Aus der Großstadt in die Provinz. Genauer: Von Potsdam nach Kitzingen kam Oliver Graumann vor zehn Jahren. Seitdem leitet er das Kitzinger Bauamt. Unter seiner Regie wurden die Konversion abgeschlossen, die Altstadt zum Sanierungsgebiet erklärt und etliche Projekte mit Hilfe von Investoren umgesetzt.
Weniger erfolgreich ist dagegen seine Überzeugungsarbeit im Kitzinger Stadtrat: Noch immer gibt es keine Entscheidung, wie sich die Innenstadt weiterentwickeln soll. Doch steter Tropfen höhlt den Stein und so hofft der gebürtige Dessauer auf baldige Entscheidungen. Die wird es wohl auch brauchen, wenn es um den Kitzinger Bahnhof geht. Dessen Entwicklung will Graumann in den kommenden Monaten ebenso vorantreiben.
Graumann und die Konversion
Als Graumann im September 2011 nach Kitzingen kam, waren die Amerikaner schon fünf Jahre weg, und die Weichen für die Konversion, also die Umwandlung von militärischen Flächen in eine zivile Nutzung, bereits gestellt. "Die Konversion war aber der Grund, warum ich mich in Kitzingen beworben habe", sagt Graumann. Einer seiner ersten Aufgaben war es also, Bebauungspläne aufzustellen, anzupassen, zu ergänzen oder zu korrigieren. Das Unternehmen Schaeffler wollte unbedingt nach Kitzingen und die Stadt musste möglichst schnell die planungsrechtlichen Voraussetzungen schaffen. "Sonst wäre Schaeffler nicht gekommen", erinnert sich Graumann.
Er bedauert, dass die Stadt im Zuge der Konversion nicht die Marshall Heights gekauft hat. "Ich hätte mir gewünscht, dass die Marshall Heights als Wohnstandort in kommunaler Hand bleiben", sagt der Bauamtsleiter rückblickend. "Es ist eine hervorragende Lage mit hervorragendem Potential. Das Gebiet hätte man ganz anders entwickeln können." Trotzdem: Die Konversion von 400 Hektar ist abgeschlossen; alles ist in privater Hand. "Man vergisst immer, dass das fast einmalig in Bayern ist", sagt Graumann.
Graumann und die Altstadtsanierung
Seit Ende 2018 ist die gesamte Kitzinger Altstadt Sanierungsgebiet. Das heißt, es gibt steuerliche Vergünstigungen, kostenlose Beratungen und Zuschüsse für private Bauherrn. Aber noch halten die Privatleute sich sehr zurück – sehr zu Graumanns Enttäuschung. Er weiß, dass es Geduld und Vorbilder braucht. Die großen Projekte in der Altstadt, wie der Umbau der Brauhöfe oder der ehemaligen Brauerei Gassner seien toll, aber kein Beispiel für eine Familie. Kleine Häuser wiederum seien für private Investoren nicht interessant.
Großen Wert legt er deshalb darauf, dass die Stadt Gebäude, die in ihrem Besitz sind, erhält und renoviert. Die Stadt habe hier eine Vorbildfunktion. Man könne auch im Denkmal und Bestand so bauen, dass heutige Standards erfüllt würden. Als Beispiel führt er das Bauamt an. Die Alte Post wurde 2014 umgebaut und modern eingerichtet und was Graumann wichtig ist: "Es ist ein repräsentatives Gebäude geworden, in dem die Stadt Investoren empfangen kann."
Aktuell wird das denkmalgeschützte Gebäude direkt neben dem Rathaus umgebaut. Besprechungsräume und Büros findet dort ihre neue Heimat. Graumann ist froh, dass es gelungen ist, das Haus zu erhalten. "Ich wollte das Zeichen setzen", sagt Graumann, der großen Wert auf Denkmalpflege legt. Wenn im Frühjahr 2022 die Gerüste abmontiert sind, "haben wir eine Ecke, die sehr gut aussieht".
Graumann und der öffentliche Raum
Schön aussehen und trotzdem die Funktion gut erfüllen – das ist Graumanns Ideal für die Gestaltung des öffentlichen Raums. Dort kann die Stadt Kitzingen ihre eigene bauliche Handschrift zeigen, denn sie ist nicht allein auf private Bauherrn angewiesen. Ein gelungenes Beispiel, so Graumann, ist die Neugestaltung des Oberen Mainkais. Im Frühjahr 2022 können dort Kitzinger und Touristen endlich die Füße im Main baumeln und den Blick übers Wasser schweifen lassen. Dann habe das Mainufer endlich die Aufenthaltsqualität, die es verdiene. Kein anderer Ort im Landkreis, so Graumann, kann den Main innerorts so nutzen wie Kitzingen.
Doch der öffentliche Raum ist groß und es muss noch viel in Kitzingen getan werden. Ein Beispiel von vielen: der Krainberg, Ecke Lindenstraße. Früher war das eine wichtige Straße im Zentrum, heute wirkt sie einfach nur überdimensioniert. Zu wenig Grün, keine Gehsteige oder in schlechter Qualität, dazu fehlende Barrierefreiheit – ein Problem in und um die Schrannenstraße. Aber nicht nur dort. In vielen Bereichen der Altstadt sollte die Stadt aktiv werden. Graumann weiß, dass er sich noch um etliche öffentlichen Flächen kümmern muss. Die für ihn dringendsten: Königsplatz sowie Kaiser-, Schrannen- und Luitpoldstraße.
Graumann und die Investoren
"Ich bin froh über jeden Privaten, der kommt", gesteht Graumann frei von der Leber weg. Er weiß, dass ihm manche seine Nähe zu Investoren vorwerfen. Aber: "Die Politik traut sich nichts." Mit wem solle er denn sonst arbeiten?, fragt er. Er betont, dass Rosentritt & Co. sehr eng mit dem Bauamt zusammenarbeiten und gemeinsam die Pläne für Projekte entwickelt werden. So war es Graumanns Idee, für das ehemalige Marktcafé einen Wettbewerb auszuschreiben. Am Anfang des Bürgerbräu-Umbaus stand unter anderem auch seine Idee, Studierende der TU München ins Boot zu holen. "X Jahre dümpelte da alles rum", sagt Graumann. Erst durch die Untersuchung sprangen die Eigentümer auf.
Graumann und das Bauamt
Oliver Graumann ist Chef von über 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, da auch der Bauhof, die Stadtgärtnerei und die Kläranlage ihm zugerechnet werden. In der Kernverwaltung arbeiten 40 Frauen und Männer. Nach langer personeller Not sieht Graumann das Bauamt jetzt "sehr gut aufgestellt". Was auch daran liege, dass Stadtplanung und Bauordnung mittlerweile zwei getrennte Bereiche sind. Auch der Altstadtmanager und der Klimamanager, die aktuell gesucht werden, werden dem Bauamt zugeteilt.
Bleibt die Frage nach den Baugenehmigungen. "Wir haben den Rückstau weitgehend aufgeholt", sagt Graumann. Fünf Angestellte bearbeiten im Jahr etwas mehr als 200 Bauanträge. "Ist der Antrag vollständig, ist er in der Regel in unter drei Monaten beschieden." Neben den Bauanträgen gibt es auch sehr viele Bauberatungen. Aber das sei eine Arbeit, die man in der Öffentlichkeit nicht sehe.
Graumann und das neue Haus für Jugend und Familie
Graumann ist ein Fan vom neuen Haus für Jugend und Familie bei der Florian-Geyer-Halle. Seit dem Abzug der Amerikaner ist die Bevölkerung – entgegen den Befürchtungen – stetig und stabil gewachsen. "Das neue Haus für Jugend und Familie ist unbedingt erforderlich", erklärt Graumann. "Ich bin froh, dass sich der Stadtrat dafür ausgesprochen hat." Auch vom Standort ist der Bauamtsleiter überzeugt, da in Zukunft durch den neu entstandenen Wohnraum in den Marshall Heights dort viele Menschen leben werden. Genauso steht er hinter dem Entwurf der Architekten Langensteiner Bienhaus, der durch einen Wettbewerb ermittelt wurde. "Ein wunderbares Ergebnis", sagt Graumann, der die Idee zu diesem Wettbewerb hatte.
Ebenso überzeugt ist Graumann auch vom Stadtteilzentrum in der Kitzinger Siedlung, eines seiner ersten Projekte in Kitzingen. Das Zentrum ist nach Graumanns Meinung wichtig, um die Sozialkultur in der Siedlung zu fördern und zu stärken sowie für die gesamte Entwicklung der Siedlung.
Graumann und der Stadtrat
Gleich in seiner ersten Sitzung wurde Graumann überstimmt. Es ging um eine Doppelgarage und einen Grünstreifen. Ein Verstoß gegen die Gestaltungssatzung. Für Graumann ein klarer Fall, für den Stadtrat auch: Er stimmte eindeutig für die Ausnahme. Auch nach zehn Jahren kann sich Graumann noch an den Fall erinnern.
Mehr als einmal schlug der Stadtrat Graumanns Empfehlungen in den Wind. Trotzdem sagt Graumann: "Ich schätze das Engagement der Räte." Er habe es nie bereut, nach Kitzingen gekommen zu sein. "Es macht mir Riesenspaß hier. Alles!" Aber manchmal könnte ihm die politische Entscheidungsfindung schneller gehen. Sein Stichwort dazu: Entwicklung der Innenstadt.
Graumann und die Kitzinger
"Warum ist der Kitzinger nicht stolz auf seine Stadt?" – das fragt sich Oliver Graumann immer wieder. Das sei sehr schade. Die Stadt habe in den vergangenen Jahren einen unheimlichen Schub gemacht. "Es gibt eine hervorragende Gewerbestruktur in Kitzingen", lobt Graumann die Stadt. "Langsam können die Kitzinger wirklich stolz auf ihre Stadt sein." Für die Zukunft sei er optimistisch. Er hält große Stücke auf die Kitzinger: "Ich habe unheimlich viele liebe Menschen kennengelernt."
Graumann und zukünftige Projekte
Zwei Projekte brennen Graumann in den nächsten Jahren noch unter den Nägeln. Da ist zum einen die Entwicklung des Bahnhofs, sowohl des Gebäudes als auch des Umfelds. Dabei sieht er die Entwicklung im Stadtrat auf einem guten Weg. Kummer bereitet ihm der Zustand der Alten Mainbrücke. "Sie muss saniert werden", erklärt Graumann. "Gut, dass es jetzt schon keinen Verkehr mehr darauf gibt." Eine Sperrung wäre sonst längst unvermeidbar. Die Renovierung der Brücke will Graumann möglichst bald in Angriff nehmen.