
Schon der Andrang im Pfarrer-Hersam-Haus ließ erahnen, wie sehr das Thema Nikolaus Fey und eine im Raum stehende Umbenennung der gleichnamigen Straße die Menschen in Gerolzhofen beschäftigt. Die anfangs 70 Stühle reichten am Dienstagabend nicht aus.
Über 100 Interessierte, darunter viele Anlieger sowie dortige Unternehmer, hatten schließlich Platz genommen. Sie alle wollten sich bei der rund zweieinhalbstündigen Veranstaltung der Stadt über den früheren Heimat- und Mundartdichter und dessen NS-Verstrickungen informieren und Fragen stellen.
Eine solche Informationsveranstaltung war im Stadtrat 2022 angekündigt worden, als sich dieser erstmals mit einer möglichen Änderung des Straßennamens beschäftigte. Auslöser waren die neuen Erkenntnisse, die eine Würzburger Kommission zusammengetragen hatte und der auch der Referent des Abends, der Würzburger Stadtarchivar Dr. Axel Metz, angehörte. Deren Urteil war eindeutig: Er war kein Mitläufer des NS-Regimes, sondern ein überzeugter Nationalsozialist. Daraufhin folgten erste Umbenennungen von Straßennamen in mehreren Kommunen.

Schon vor der NS-Zeit antisemitisches Gedankengut vertreten
Metz blickte in seinem Vortrag auf das Leben und Wirken des in Wiesentheid geborenen und auf der Waldesruh 1956 gestorbenen Fey zurück. Lange bevor die Nationalsozialisten die Macht ergriffen, habe der Heimatdichter die Ansichten der Heimatbewegung vertreten. Die später von den Nazis propagierte Blut- und Boden-Ideologie und antisemitisches Gedankengut gab es schon dort. Begriffe wie Scholle, "Treue in dem Bande des Blutes" und "Liebe zu Volk und Stamm" waren üblich. Auch Fey verwendete sie in seinen frühen Werken.

Während der NS-Zeit hat Nikolaus Fey sich aus Sicht des Würzburger Stadtarchivars zum führenden Propagandisten in der Region entwickelt und sich sprachlich zunehmend radikalisiert. Begünstigt wurde dies, weil die Nationalsozialisten der Heimatbewegung aufgeschlossen gegenüberstanden und Fey bereits im Mai 1933 Mitglied der NSDAP wurde.
Bei Großereignissen aufgetreten und von NS-Größen geschätzt
Er ließ sich zum Redner der Partei schulen, war später als solcher geschätzt und trat bei NS-Großereignissen auf. Metz nannte eines seiner Bühnenstücke über den Bauernführer Florian Geyer, von dem selbst Gauleiter Otto Hellmuth 1937 angetan war und das schon bei einem Besuch des SA-Stabschefs Röhm 1934 in Würzburg aufgeführt wurde, und wo es hieß: "Der Führer und Erlöser ist da. In Adolf Hitler ist Florian Geyer erschienen."

Auch in NS-Beilagen beförderte er laut Metz antisemitische Gefühle. In Gedichten wie "Es muaß sei" (1941) habe er den Soldatentod und das Regime gepriesen ("Nix Schöanersch wie Soldatatoad"). Fey erhielt viele Preise, darunter den Mainfränkischen Kulturpreis 1937. Besonders angelastet wurde ihm sein Mitwirken in der Propagandaabteilung der Regierung des Generalgouvernements in Krakau, von 1942 bis 1944. Nach dem Zweiten Weltkrieg sah die Spruchkammer die Schuld Feys als belegt an und verurteilte ihn unter anderem zu fünf Jahren Schreibverbot.
Referent Axel Metz gibt keine Empfehlung an den Stadtrat
Eine Empfehlung für den Gerolzhöfer Stadtrat gab Metz nicht ab. Der Kommissionsbericht von 2020 sprach aber zumindest für Würzburg eine klare Empfehlung aus: Die Straße solle umbenannt werden – was im Sommer 2023 auch geschah. Von einem erklärenden Hinweisschild, einer Kontextualisierung unter Beibehaltung des Straßennamens, sah die Kommission ab.
Anhand der Tendenz der anschließenden Wortmeldungen und des Beifalls scheint sich eine Mehrheit ein solches Erklärschild allerdings zu wünschen. Langanhaltenden Applaus erhielt der Unternehmer Gerd Kirchner für seinen gut zehnminütigen Redebeitrag. Er mahnte eindringlich, die Auswirkungen für die in der Straße angesiedelten 22 Anlieger und 15 Betriebe im Auge zu behalten.
Mehrheit scheint für Vorschlag der Kontextualisierung zu sein
Kirchner sprach von einem "riesigen Aufwand" und Kosten im mittleren fünfstelligen Bereich. Eine Namensänderung könnte zudem erhebliche Folgen für sein Onlinegeschäft haben, möglicherweise für einen finanziellen Schaden in Millionenhöhe sorgen. Aus "Gleichheitsgründen" müsste seiner Meinung nach über weitere belastete Straßennamen abgestimmt werden.
Er forderte die Stadt auf, den Straßennamen und damit Zeitgeschichte öffentlich sichtbar zu halten und nicht einfach "Geschichte auszuradieren", indem der Straßenname verschwinde. "Im Namen aller Anlieger möchte ich klarstellen, dass wir die Taten der NS-Zeit nicht herunterspielen wollen. Wir halten eine Umbenennung für den völlig falschen Weg", sagte Kirchner und schlug als Alternative eine Kontextualisierung vor.
Diesen Kompromissvorschlag hatte zuvor bereits Bernhard Müller ins Gespräch gebracht. Für den Fall, dass es dazu kommen sollte, hatte Stadtarchivbetreuer Norbert Vollmann eine Bitte: Der Stadtrat solle einen nichtssagenden Text wie in Bergtheim vermeiden.
Altbürgermeister Bräuer sieht einen sich anbahnenden Stadt-Streit
Nachdem einige kritische Fragen aufgekommen waren, die Diskussion sei überzogen und Gerolzhofen habe zurzeit andere Probleme als eine Straßenumbenennung, ergriff Altbürgermeister Hartmut Bräuer das Wort. Er erinnerte an eine andere Zeit, als die Straße nach Fey benannt wurde. "Heute weiß ich, dass Nikolaus Fey diese Ehrung nicht mehr verdient hat."

Der Stadtrat müsse gut abwägen, zwischen dem Ansehensverlust für die Stadt, wenn der Name bleibe, und den berechtigten Interessen der Anlieger und Firmen. Als Vorschlag brachte er ebenfalls eine Hinweistafel am Straßennamensschild ins Spiel. "Damit könnte man den Stadt-Streit, der sich offenbar anbahnt, etwas befrieden."
Bürgermeister Wozniak: Noch keine Entscheidung getroffen
Eine Entscheidung hält Bürgermeister Wozniak für geboten, nachdem die Frage aufgekommen war, ob eine solche überhaupt nötig sei. "Weil wir es dem Thema schuldig sind", sagte er und verwies auf die Aufarbeitung der Kommission. Als Stadtgesellschaft sollte man selbstbewusst sein und darauf vertrauen, dass die richtige Entscheidung getroffen werde. Für ihn sei es richtig, dass der gewählte Stadtrat entscheide und nicht die Bürger direkt. Die Diskussion sei offen, eine Entscheidung noch nicht getroffen, der Beschluss erfolge in einer öffentlichen Stadtratssitzung. Auf Nachfrage der Redaktion teilte er mit, dass die Sitzung in den kommenden drei bis vier Monaten stattfinden wird.
Thomas Vizl, Stadtrat und stellvertretender Landrat, versprach offen an das Thema heranzugehen und genau abzuwägen, zwischen den Problemen der Anwohner und der NS-Vergangenheit Feys. Dem Vorwurf, man habe schon entschieden, widersprach er.
.
Wer Ernsthaft denkt die Hälfte der Geschichte zu löschen beschwört doch erst Recht Ungerechtigkeit auf.
Also entweder wir Steichen die Geschichte konsequent und komplett, oder wir leben mit der Geschichte!
Ich schlage vor, die Nikolaus Frey Straße zu belassen so wie sie ist?
Lasst die Toten ruhen!