
Vor nicht allzu langer Zeit hätte man noch von "Superspreading-Events" gesprochen, wenn nach Großveranstaltungen die Corona-Zahlen in die Höhe schießen. Nun hat sich die allgemeine Wahrnehmung geändert, so Rhön-Grabfelds Landrat Thomas Habermann im Gespräch mit dieser Redaktion zur aktuellen Corona-Lage. "Es weiß jeder, es ist da, es beschäftigt sich aber keiner damit", sagt er zum Umgang mit dem Virus und im Hinblick auf die vielen (größeren) Feste im Landkreis.
Analog zum bundesweiten Trend steigen auch in Rhön-Grabfeld die Corona-Zahlen seit einiger Zeit wieder an. Am Freitag lag der Sieben-Tage-Inzidenz laut Robert Koch-Institut bei knapp unter 900, 713 Menschen aus dem Landkreis infizierten sich innerhalb der vergangenen Woche mit Corona. 18 positive Patienten lagen zum Stand Donnerstag, 10 Uhr, am Rhön-Klinikum Campus in Bad Neustadt, nur wenige müssen jedoch auf der Wachstation (Intermediate Care Station) behandelt werden.
Wie aussagekräftig sind die aktuellen Corona-Zahlen in Rhön-Grabfeld?
Die allgemeinen Infektionszahlen sind aber wohl nur die halbe Wahrheit. Aus ärztlicher Sicht geht Dr. Helmut Klum, Versorgungsarzt des Landkreises, aufgrund von fehlenden Testungen von einer hohen Dunkelziffer aus. Infektionszahlen und Inzidenz dürften tatsächlich doppelt so hoch sein, wenngleich man darüber natürlich nur spekulieren könne.
Tendenzen zu erkennen und Vergleiche zu anderen Landkreisen seien jedoch möglich, "da die Situation überall gleich ist." Größere Veranstaltungen schlagen sich sicherlich zeitnah in den Zahlen nieder, ergänzt Habermann.

Im Hinblick auf die geänderte Testverordnung verweist Helmut Klum darauf, dass Menschen mit einem positiven Selbsttest weiterhin Anspruch auf einen kostenlosen PCR-Test haben. Als Nachweis sollten sie ihren Test vorlegen, empfiehlt er.
Wie viele und welche Impfungen werden derzeit in Rhön-Grabfeld durchgeführt?
Als Impfarzt hat Klum darüber hinaus Einblick, dass momentan im landkreiseigenen Impfzentrum in Bad Neustadt bei deutlich reduziertem Betrieb rund 100 bis 150 Impfungen pro Woche (Tiefstand 50-60 Impfungen) durchgeführt werden. Es handelt sich vermehrt um vierte Impfungen bei älteren Menschen oder Booster-Impfungen, wenn Urlauber beispielsweise drei Impfungen vorweisen müssen. Vereinzelt gibt es auch Menschen aus Medizinberufen, die sich erstmals zu einer Impfung entschieden haben – sehr zur Freude von Klum und Co.
Bislang wurden im Landkreis 53.862 Erstimpfungen durchgeführt. Bei 59.525 Personen ist die Impfserie abgeschlossen. Die Zahl der Auffrischungsimpfungen liegt (Stand Dienstag) bei 51.736.
Geöffnet bleiben sollen die Impfzentren mindestens bis Ende des Jahres. Sie können und sollen bei Bedarf, so die Auskunft des Gesundheitsministeriums, ab Herbst wieder hochgefahren werden. Je nachdem, wie sich die Lage entwickelt. Auch Grippeimpfungen sind dort für das Ministerium denkbar. Konkrete Planungen und Informationen gibt es zum aktuellen Zeitpunkt aber nicht.
Weiterhin keine Bußgeldverfahren für ungeimpfte Mitarbeitende im Gesundheitswesen
Hinsichtlich der Impfpflicht im Gesundheitswesen behält der Landkreis Rhön-Grabfeld seine Vorgehensweise von vor einigen Wochen bei. Das heißt, bis heute sind gegen ungeimpfte Mitarbeitende keine Bußgeldverfahren oder gar als letzten Schritt Beschäftigungsverbote eingeleitet worden. Das liegt im Ermessen des Landkreises.
"Die einrichtungsbezogene Impfpflicht wurde immer als Vorstufe zu einer allgemeinen Impfpflicht angesehen", so Thomas Habermann. Da es nicht zu einer allgemeinen Impfpflicht kam, ist ein wesentlicher Teil der Begründung weggefallen, begründet der Landrat.
Außerdem kommt der Landkreis Rhön-Grabfeld der Bitte der Einrichtungen nach, aufgrund von massiven Personalproblemen auf Sanktionsschritte zu verzichten. Auch die Geimpften innerhalb der Einrichtungen würden das inzwischen begrüßen, damit der Betrieb ruhig weiter laufe, hat Habermann erfahren.
Was die Verantwortlichen im Landkreis Rhön-Grabfeld für den Herbst erwarten
Für den Herbst hoffen die Landkreis-Verantwortlichen auf keine neue Mutation des Coronavirus mit möglichen schweren Krankheitsverläufen, erwarten aber weiter steigende Fallzahlen. "Was passiert, kann niemand sagen", so Habermann. Unklar ist, ob die momentan hohen Infektionszahlen ein "Vorteil" für das Geschehen in der kälteren Jahreszeit darstellen. "Jede Infektion ist eine Impfung", sagt zumindest Helmut Klum.
Allgemein hält man im Landratsamt Impf- und Testkapazitäten bereit, alle Bereiche sind darauf eingestellt, dass die Schutzmaßnahmen wieder hochgefahren werden könnten. Der Corona-Krisenstab von Rhön-Grabfeld tagt weiterhin regelmäßig.
Ich verstehe die pragmatische Aussage dahinter. Aber man sollte vielleicht dennoch dazu schreiben, dass man sich nicht absichtlich anstecken sollte und eine Impfung einer Infektion vorzuziehen ist.