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Bad Neustadt
Regionalität und persönliche Beratung: Wie die Pecht Shoppingwelt in Bad Neustadt die Zukunft meistern will
Im Angesicht der Galeria-Kaufhof-Krise: Pecht-Geschäftsführer Bernd Titius und Björn Tischer erläutern, warum regionale Kaufhäuser derzeit gut dastehen.
Bei Pecht läuft es stabil. Das betonen die beiden Geschäftsführer der Pecht Shoppingwelt, Bernd Titius (links) und Björn Tischer.
Foto: Silvia Gralla | Bei Pecht läuft es stabil. Das betonen die beiden Geschäftsführer der Pecht Shoppingwelt, Bernd Titius (links) und Björn Tischer.
Sigrid Brunner
 |  aktualisiert: 14.07.2024 02:33 Uhr

Die Krise der Warenhauskette Galeria Kaufhof hat viele Menschen alarmiert. Insbesondere hat sie die Frage aufgeworfen, wie es derzeit deutschlandweit um die Kaufhäuser bestellt ist. Eines davon ist die Pecht Shoppingwelt in Bad Neustadt. Sie blickt auf eine lange Tradition zurück. Seit 1872 versorgt das im Familienbesitz befindliche Einkaufzentrum Bewohner der Region. 2017 übernahm Bernd Titius (45 Jahre) die Geschäftsführung des Betriebes und 2018 stieg Björn Tischer (42) in diese ein. In einem Gespräch gaben sie Auskunft über die aktuelle Lage des Unternehmens.

Frage: Befindet sich die Warenhaus-Landschaft derzeit in einer Krise?

Bernd Titius: Nein. Es gibt beispielsweise viele inhabergeführte Kaufhäuser, die derzeit gut und stabil dastehen. Dazu gehört auch die Pecht-Shoppingwelt. Angesichts dessen muss man festhalten, dass es aktuell vor allem eine Galeria Kaufhof- und keine Kaufhauskrise gibt.

Die Geschäftsführer Bernd Titius (links) und Björn Tischer im Interview.
Foto: Silvia Gralla | Die Geschäftsführer Bernd Titius (links) und Björn Tischer im Interview.
Warum stehen die kleineren, inhabergeführten Kaufhäuser besser da?

Titius: Die oftmals ländlichen Kaufhäuser haben einen anderen Auftrag und andere Grundvoraussetzungen als ein großes Haus in einer Großstadt. Sie liegen in Kleinstädten oder Mittelzentren mit einer anderen Versorgungslage. Um sie herum gibt es nicht so ein breites Angebot. Meistens existieren nur günstigere Discounter, aber wenige Anbieter mit hochwertiger und qualitativ guter Ware. Bestimmte Sortimentstypen gibt es gar nicht. Dieses Sortiment wird dann oft von diesen Kaufhäusern gut abgedeckt. Hinzu kommt, dass die ländlichen Kaufhäuser regional agieren, ihren Standort genau beobachten und den Einkauf darauf ausrichten. Die großen Ketten haben einen Zentraleinkauf und müssen zentralseitig überlegen, wie denn jedes einzelne Haus so tickt. Das ist natürlich etwas schwerer, als wenn man es regional nur für ein Haus machen muss. 

Warum kommen Ihre Kunden zu Ihnen?

Titius: Bei uns sieht die Abdeckung der Verkaufsräume mit Personal ganz anders aus als oftmals in den Großstädten, wo vielleicht noch Miete gezahlt werden muss. Mehr Personal bedeutet auch mehr Beratung der Kunden. Wir investieren zudem ständig, müssen das aber natürlich nicht in dem Umfang tun wie die großen Häuser, die alle Filialen auf dem Stand halten müssen, wie es der Markt im Moment verlangt. Und zu guter Letzt: Die Menschen kommen nicht nur zum Einkaufen zu uns, sondern auch um Freizeit zu gestalten. Wir machen Modenschauen oder wie jüngst ein Bobbycar-Rennen. Wir lassen uns stets Aktionen und Events einfallen, damit es attraktiv ist, bei uns vorbeizuschauen. 

Die Shoppingwelt Pecht von oben mit einer Drohne aufgenommen.
Foto: Silvia Gralla | Die Shoppingwelt Pecht von oben mit einer Drohne aufgenommen.
Wie groß ist die Herausforderung durch den Online-Handel für die Kaufhäuser?

Björn Tischer: Wir versuchen, dem Onlinehandel ein kompaktes Angebot entgegenzustellen, insofern dass hier alles an einem Ort erworben werden kann. Von Textilien über Schuhe bis zu Spielwaren. In Warenhäusern kann man nicht nur eine Auswahl unter einer Marke treffen, auf den Flächen sind viele Marken vertreten und man muss nicht den Store wechseln, um sich etwas anderes anzuschauen. Nicht zu vergessen sind kostenlose Parkplätze vor der Tür und viele Serviceleistungen. Letztendlich geht es aber gar nicht nur um Artikelverfügbarkeit und Preis. Wir legen den Schwerpunkt auf die Beratung. Diejenigen, die sich noch nicht im Klaren sind, sich inspirieren lassen möchten und Beratung brauchen, die werden stationär mehr Erfolg haben.

Titius: Nehmen wir die Laufschuhe. Vielleicht ist im Internet der ein oder andere Schuh günstiger, aber ist er das auch für Füße, Knie und Hüfte? Oder das Thema BH. Online schaut keiner mit in die Kabine und prüft, ob es passt. Man sagt in der Branche, dass circa 70 Prozent aller Frauen einen falschen BH tragen. Man weiß, dass davon Rücken-, Genick- oder Kopfschmerzen kommen können. Deswegen glaube ich, dass wir weiterhin eine gute Zukunft haben, weil wir eben genau dazu Lösungen anbieten. 

Inwieweit ist es Ihnen persönlich wichtig, für so ein traditionsreiches Haus zu arbeiten?

Titius: Für uns ist das sehr wichtig. Es ist beeindruckend, was Herr Pecht alles geschaffen hat – aus einem kleinen Kaufhaus in der Innenstadt entstand so ein Areal hier. Wir sind im Moment mit zwei Inhabern gesegnet, mit Herrn und Frau Pecht. Sie sind noch aktiv an Bord, regelmäßig im Haus und studieren jeden Tag die Zahlen. Wir haben einen starken Austausch.  Wichtig ist aber nicht nur die Tradition an sich, sondern auch, zu wissen, wie es weitergeht und dass die Zukunft gesichert ist. Die wird so aussehen, dass das Unternehmen in die bereits bestehende Stiftung für notleidende Kinder übergeht. Für mich ist es persönlich ganz toll, dass ich weiß, wenn in Zukunft Gewinne erwirtschaftet werden, dann gehen die nicht irgendwohin, sondern sie werden für notleidende Kinder verwendet. Das ist sehr sinnstiftend.

Welche langfristigen Ziele und Visionen haben Sie für Ihr Kaufhaus?

Titius: Unser Ziel ist, dass wir uns den Markt-Gegebenheiten weiter gut anpassen können und dass uns immer wieder die richtigen Ideen einfallen, um auf den Markt zu reagieren. Wir wollen nicht expandieren, dergestalt, dass wir neue Filialen an anderen Standorten aufmachen. Wir wollen regional agieren und sind hier tief verwurzelt. Es ist schwer, das noch mal zu doppeln. Aber natürlich wollen wir unseren Standort weiterentwickeln, weiter investieren in die Gebäude, Flächen, in Prozesse sowie den digitalen Bereich ausbauen. 

Haben Sie aktuell Pläne, Veränderungen in Ihrem Sortiment herbeizuführen?

Titius: Es wird bei den Marken Veränderungen geben. Wir werden neue Lieferanten aufnehmen, weil wir gesehen haben, dass für jüngere Frauen und Männer noch nicht das optimale Angebot gefunden wurde. Ab Januar kommen nun fünf neue, ganz trendige, junge Labels hinzu. Auch dem Thema Nachhaltigkeit tragen wir verstärkt Rechnung. Wir haben in diesem Jahr acht neue Lieferanten aufgenommen, die Made in Germany sind. 

Wie wichtig sind Nachhaltigkeit und umweltfreundliche Produkte für Ihr Geschäft?

Titius: Nachhaltige Produkte sind bei uns insofern ganz wichtig, als dass wir auch bei den Lieferanten darauf schauen, dass sie gewisse Prüfsiegel einhalten, zertifiziert sind oder die Sozialstandards einhalten. Wir selbst wollen nachhaltig verkaufen. Wir wollen Ware, die langlebig oder teilweise reparierbar ist. Bei uns ist der Anteil an nachhaltiger Ware deutlich gestiegen. Nachhaltigkeit wird immer mehr zum Standard werden. 

Gibt es positive Entwicklungen oder Trends, die Ihnen Hoffnung für die Zukunft geben? 

Titius: Zuversichtlich stimmt uns, dass viele Gäste von weiter weg zu uns kommen. Das zeigt ja auch, dass so eine Art von Geschäftsmodell nachgefragt wird. Das macht schon Mut. 

Tischer: Mut machen auch die Auszeichnungen, die wir erhalten. Erst jüngst haben wir den Katag-Award als bester Händler des Jahres bekommen. Branchenkenner bescheinigen uns damit, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Wird es das Kaufhaus Pecht auch noch in 100 Jahren geben?

Titius: Da bin ich optimistisch. Ich glaube, dass die Menschen nach wie vor Begegnungen lieben und schätzen, vielleicht in Zukunft sogar noch mehr. Wenn wir ein stimmiges Angebot machen mit Leidenschaft und mit Herz, dann glaube ich, dass wir eine gute Chance haben, dass sich die Gäste bei uns wohlfühlen und wiederkommen.

Tischer: Wir sind natürlich auch mutig. Es wird viel probiert. Manche Aktionen gelingen nicht unbedingt, aber die Mehrzahl kommt beim Gast gut an. Ich bin auch immer wieder beeindruckt, gerade an den Wochenenden, über die Verweildauer unserer Kunden. Da kommen Familien schon vor dem Mittagessen und bleiben bis in den Nachmittag hinein. Eine lange Verweildauer ist letztendlich bei den Warenhäusern eines der wichtigen zentralen Themen.

Das Kaufhaus Pecht in Bad Neustadt

Im Jahr 1872 gründete Melchior Pecht ein Sattler-, Polster und Tapeziergeschäft direkt am Marktplatz von Bad Neustadt. Wenige Jahre später erwarb er ein Gebäude in der Hohnstraße 3, das mehr als 100 Jahre die Basis des Unternehmens darstellte. 1962 stieg Franz Pecht als Juniorchef in den Betrieb ein. Im selben Jahr trat man der Einkaufsgemeinschaft Kaufring bei und wurde zu einem Kaufhaus mit Vollsortiment. Das erforderte mehr Verkaufsfläche. 1977 verließ Franz Pecht die Innenstadt und zog in das neue Gebäude in der Siemensstraße am heutigen Standort. 1983 kam Haus 2 hinzu mit der Sport- und Spielwarenabteilung und 1996 schließlich Haus 3 mit der Gastronomie. 2015 entschlossen sich die Inhaber Heidemarie und Franz Pecht, die Pecht Stiftung zu gründen, um die Zukunft des Unternehmens zu sichern. Heute teilen sich Bernd Titius und Björn Tischer die Geschäftsführung.
Quelle: Pecht/sbr
 
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