
Metaphern sind beliebt und aus dem Journalismus nicht wegzudenken. Denn gerne wird Einfallsreichtum damit bewiesen, geläufige Begriffe aus ihrer eigentlichen Bedeutung in eine andere zu übertragen. Das spricht beim Lesen an, umso mehr, je lebendiger und zutreffender das entliehene Sprachbild im neuen Umfeld wirkt.
Häufig erreichen mich in solchen Fällen aber Zuschriften. Leser G.T. reagiert darauf nicht zum ersten Mal sensibel. Er fasst folgende Überschriften aus der Ausgabe vom 4. Januar kritisch ins Auge: „Deutscher Absturz am Bergisel“ und „Besucher stürmen die Rhön“. Er fragt provokant: „Wer ist abgestürzt?“ Zurecht merkt er an: „Ich nicht.“ „Warum“, so fragt G.T. weiter, „beteiligt sich (nach Fernsehen und Radio) nun die Zeitung an Sensationen, die es gar nicht gibt. Mir fehlen die Worte.“
Begriffe, die sich anbieten
Jene Worte, die Leser G.T. meint und die der Redaktion nicht gefehlt haben, hält er offenbar für sensationslüstern. Weil niemand tatsächlich „abgestürzt“ und weil mutmaßlich kein Besucher in die Rhön „gestürmt“ ist. Sicher bin ich mir, dass jede/r Leser*in trotzdem erkennen kann, um was es wirklich geht.
Bietet sich doch gerade beim Skispringen der Begriff "Absturz" an, wenn jemand in der Platzierung weit oben gestanden hat und plötzlich tief nach unten „durchgereicht“ (auch eine Metapher) wird. Wenn Massen zu einem Zeitpunkt in eine Region oder ein Geschäft drängen, spricht man von einem „Ansturm“. Daraus wird dann schon mal das Verb "stürmen". Und so ist es halt gewesen. Auch deutsche Skispringer haben mit einen Sprung ihre vorderen Positionen eingebüßt.
Dann wäre da aber der „Deutsche Absturz“. Fast ist sie nicht mehr der Kritik wert, die Inanspruchnahme der ganzen Nation, in diesem Fall für wenige Skispringer. Gut, dass die Identifikation mit deutschen Skispringern emotional noch nicht dafür ausreicht, dass „wir“ abgestürzt sind. Freilich meine ich, dass die genannten Titel nicht einmal bei flüchtigem Lesen die Nachricht verfälschen können.
Zurückgedrängte Sachlichkeit
Bedauern darf man aber schon, wenn zuspitzende Reizwörter in Nachrichten die Sachlichkeit zurückdrängen. Diese Neigung, die es schon immer gab, hat sich auch in der gedruckten Zeitung eher verstärkt. Einflüsse aus dem Internet springen über, weil man dort für die Online-Angebote nach Reichweite strebt. Die Währung ist die Aufmerksamkeit der Menschen. Die lässt sich – nach allem was man derzeit zu wissen glaubt – so besser gewinnen.
Möglich ist, dass zu häufiger Gebrauch den Metaphern, Zuspitzungen oder Superlativen die Wirkung nimmt. Ob darauf dann sprachliche Steigerungen ins Unermessliche oder aber eine Rückkehr zur Sachlichkeit folgen, überlasse ich dem journalistischen Einfallsreichtum.
Anton Sahlender, Leseranwalt
Siehe auch Vereinigung der Medien-Ombudsleute.


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2008: "Rotzfreche Kinder verschlagen Lesern die Sprache"
2008: "Meinungen über Sprache: Vom Oberlehrer zum Verhunzer"
2010: "Eine brutale Rambo-Sprache muss nicht sein"
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