Am Ende muss auch ein bisschen Show sein. Nach 45 Minuten Rede stehen die knapp 400 Zuhörer im Würzburger Congress Centrum auf und beklatschen Manfred Weber. Zwei Dutzend Junge-Union-Aktive stürmen mit Fan-Schals und Fan-T-Shirts ("Ein Bayer als Boss in Brüssel") die Bühne. Manfred Weber strahlt. Und posiert anschließend minutenlang für Selfies. Ab dem Herbst möchte der CSU-Politiker aus Niederbayern als Präsident die Kommission der Europäischen Union (EU) führen.Es ist das wichtigste politische Amt, das Europa zu vergeben hat.
Man erinnert sich: Vor einem Jahr noch waren sie in der Union auf Krawall gebürstet. Auf der einen Seite Angela Merkel, auf der anderen Horst Seehofer und Markus Söder. Im Endlos-Streit um die Flüchtlingspolitik wurde mit Rücktritt gedroht, sogar die Fraktionsgemeinschaft von CDU und CSU stand auf dem Spiel. Wer da Manfred Weber, den Fraktionschef der Europäischen Volkspartei (EVP) und CSU-Vize, als Brückenbauer ins Gespräch brachte, wurde ausgelacht. "Weber? Spielt keine Rolle", hieß es aus der Parteiführung. Und heute: Die ganze CSU, die CDU, die europäischen Schwesterparteien, sie alle versammeln sich hinter dem 46-Jährigen. Es bestehe die einmalige Chance, einen Bayern an die Spitze Europas zu wählen. Schon deshalb müsse man der CSU die Stimme geben, meint Christian Staat, der Europakandidat für Unterfranken, zum Auftakt der Kundgebung im Würzburger CCW.
Manfred Weber verleugnet die niederbayerische Herkunft nicht
"Ich bin kein lauter Politiker", sagt Manfred Weber im Gespräch als Erklärung, warum ihn Umfragen zufolge lediglich ein Viertel der Wähler in Deutschland kennt. "Ich bin so, wie ich bin. Und ich will auch so bleiben", wehrt er alle ab, die wünschen, dass er mehr auf die politische Pauke haut. Mag schon sein, dass sich viele im aufgedrehten Politik-Betrieb so einen nur schwer als EU-Kommissionspräsident vorstellen können: Ein Niederbayer, der noch nie ein Regierungsamt innehatte. Einer, der seine Herkunft auch in London, Paris und Rom nicht verleugnet.
Manfred Weber ist ein Leiser, aber bestimmt kein Leisetreter. Seine Machtansprüche formuliert er deutlich. Als Spitzenkandidat der mutmaßlich wieder stärksten Fraktion im Europaparlament habe er den Anspruch, "eine Art Regierungschef" zu werden. "So funktioniert Demokratie. Und das sollten wir den Menschen vor der Wahl auch genauso sagen." Die Posten in Brüsseler Hinterzimmern zu verteilen – das sei genau die Politik, die viele an Europa nerve.
Europäer mit konservativem Profil
Inhaltlich präsentiert sich Weber in seiner Rede als Europäer mit konservativem Profil. Er betont das Christentum als "Werte-Grundlage" Europas, erneuert seine Absage an ein EU-Mitglied Türkei. Der Schutz der EU-Außengrenzen genieße für ihn Priorität, so der CSU-Politiker. 10 000 Frontex-Beamte sollen zeitnah sicherstellen, "dass nicht Schlepperbanden entscheiden, wer es nach Europa schafft, sondern die Staaten". Weber fordert mehr europäisches Engagement in Afrika, um den Migrationsdruck einzudämmen. Bei aller Härte vergisst er aber auch den Hinweis nicht: "Hinter jedem Flüchtling steht ein Mensch. Ein Mensch mit Würde."
Im Handelsstreit mit den USA oder China positioniert sich Weber ebenfalls selbstbewusst. Europa müsse sich mit seinen Produkten nicht verstecken. "Ich bin bereit für Partnerschaft, aber erpressen lassen wir uns nicht". Es könne nicht sein, dass China sich in europäische Firmen einkaufen kann, es umgekehrt aber nicht möglich ist. Handelsverträge seien sinnvoll, aber Europa dürfe sehr wohl Bedingungen stellen, etwa "ein Verbot von Kinderarbeit". Wichtig sei dabei, mit einer europäischen Stimme zu sprechen, selbst ein wirtschaftlich starkes Land wie Deutschland erreiche alleine nichts.
Klare Kante gegenüber Orban, Salvini und Co.
Klare Kante äußert Weber gegenüber Populisten und Nationalisten. Von denen lasse man sich das Werk der EU-Gründerväter nicht kaputt machen lassen, jener Menschen, die den Mut hatten, den "Wahnsinn", der die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts dominierte, zu überwinden. Seinen Zwist mit dem ungarischen Regierungschef Viktor Orban erwähnt der CSU-Mann vor den Zuhörern nicht. Im Gespräch mit der Redaktion zeigt er sich durchaus erleichtert, dass der Ungar den Eiertanz um die Mitgliedschaft seiner Fidesz-Partei in der EVP mit der Ankündigung, Weber nicht mehr zu unterstützen, beendet hat. "Das war ein klärender Prozess." Spätestens Orbans Treffen mit dem Italiener Matteo Salvini und dem Österreicher Hans-Christian Strache habe gezeigt, "dass es eher mehr offene Fragen werden als weniger".
Weber gibt sich entschlossen, künftig konsequenter auf Werte wie die Rechtsstaatlichkeit, die Medienfreiheit und den Kampf gegen Korruption in Europa zu achten. Unter seiner Führung werde die nächste EU-Kommission einen "unabhängigen Rechtsstaatsmechanismus" etablieren. Dieses parteipolitisch neutrale Gremium, besetzt mit ehemaligen höchsten Richtern, solle die Möglichkeit bekommen, mutmaßliche Verstöße gegen europäische Prinzipien zu untersuchen und dem Europäischen Gerichtshof vorzulegen. Im Extremfall soll dieser dann auch Sanktionen wie die Kürzung von EU-Geldern verhängen können. Der leise Weber wird da richtig laut: "Die bisherigen Regelungen sind zu lasch. Wir müssen um unser Europa und unsere Werte kämpfen."
Ceterum censeo:
Die EU braucht keinen Spitzenkandidaten Weber, der eine Pipeline 2 /Nordstream unbedingt verhindern will.