Die Szenen ähneln sich seit Tagen: An den Corona-Impfstellen stehen sich Menschen in langen Schlangen die Beine in den Bauch. Beim Impfbus-Termin am Montagnachmittag auf dem Marktplatz in Gerolzhofen beispielsweise war die Schlange der Wartenden zeitweise geschätzt über 30 Meter lang und zog sich um die halbe Stadtpfarrkirche herum. Am Ende erhielten etliche Impfwillige keine Spritze, der Bus musste weiterfahren, zum nächsten Termin.
In Schweinfurt, so heißt es in Leserbriefen an diese Redaktion, warteten am Montag Impfwillige am Volkfestplatz zweieinhalb Stunden – ein Leser schreibt sogar von drei bis vier Stunden – bis sie geimpft waren. Zusätzliches Ärgernis: Die Wartenden, darunter viele Ältere und Gebrechliche, seien im Freien Wind und Wetter ausgesetzt gewesen – stehend. Im Container sei dann zeitweise nur ein Arzt anwesend gewesen, entsprechend langsam ging es voran.
Beim Ortsbesuch dieser Redaktion bestätigt sich am Donnerstag dieses Bild. An der Impfstelle in der Stadtgalerie und vor dem Impfzentrum am Volksfestplatz stehen kurz nach der Öffnung um 11 Uhr massenweise Impfwillige an. Doch auch zu den Stoßzeiten, zur Mittagspausenzeit und gegen 17 Uhr, nach Feierabend, kommen die Menschen in Scharen, in der Hoffnung auf eine schnelle Impfung. Der Andrang ist so groß, dass nicht alle bis zum Abend geimpft sein dürften, manche werden wohl auch an diesem Tag ungeimpft nach Hause geschickt.
Stundenlanges Warten bei Wind und Wetter
Die Stadt Schweinfurt bestätigt Wartezeiten von circa zwei Stunden am Impfzentrum am Volksfestplatz. Personalausfälle oder Impfstoffengpässe habe es laut Pressesprecherin Kristina Dietz allerdings nicht gegeben. "Indoor-Aufenthaltsmöglichkeiten für die Warteschlangen" gebe es keine. Ein Zelt vor Ort dürfte aber dann wieder für die Wartenden ausreichen, wenn, wie geplant, wieder Terminvereinbarungen für die Impfungen möglich sind.
Der Pressesprecher des Landratsamtes Schweinfurt, Andreas Lösch, beschreibt auf Nachfrage dieser Redaktion folgendes Dilemma: Die sprunghaft gestiegene Nachfrage nach Impfungen ("prinzipiell ein gutes Zeichen") übersteige derzeit die vorhandenen Impfkapazität. Dies führe zu Wartezeiten an den Impfstellen in Schweinfurt, auf dem Volksfestplatz und in der Stadtgalerie, sowie an den Haltestellen des Impfbusses.
Ein Grund hierfür sei die Vorgabe des Freistaats Bayern, zum 1. Oktober die vorgehaltene aktiven Impfkapazitäten um rund 75 Prozent zu reduzieren. Zudem würden sich aktuell weniger niedergelassene Ärzte am Impfprogramm beteiligen als noch im Sommer. "Ebenso wurde festgestellt, dass ein Teil der Impfwilligen nicht aus Stadt und Landkreis Schweinfurt stammt und aufgrund der schlechteren Impfsituation am Herkunftsort teils weite Anreisen in Kauf nimmt", teilt das Landratsamt mit.
Mitarbeiter bedroht: "Klarer Hang zur Gewaltbereitschaft"
Den Unmut der wartenden Impfwilligen bekämen auch die Mitarbeiter der Impfteams zu spüren. Laut des Pressesprechers hätten Stadt und Landratsamt die Polizei gebeten, die Impfangebote verstärkt zu überwachen, um vorhandenen "Aggressionen mit klarem Hang zur Gewaltbereitschaft" zu begegnen. In einem Fall sei ein Impfteam körperlich angegangen worden. Landrat Florian Töpper und Schweinfurts Oberbürgermeister Sebastian Remelé bezeichnen dies in einer gemeinsamen Presseerklärung als "völlig inakzeptabel". Sie machen klar: "Wenngleich wir Enttäuschung und Verärgerung nachvollziehen können, die durch Wartezeiten oder Zurückweisung entstehen, so sagen wir aber auch klar: Wer in der aktuellen Situation dem Impfpersonal durch Drohungen oder Beleidigungen zusetzt, überschreitet die Toleranzgrenze. Für so ein Verhalten haben wir keinerlei Verständnis."
Mit einer Reihe von Zahlen verdeutlicht das Landratsamt, wie sich die seit 1. Oktober zunächst gültige Bayerische Impfstrategie ausgewirkt hat. Laut dieser sollten künftig vorrangig Haus- und Betriebsärzte impfen. Vorhandenen Impfzentren galten fortan als nachrangig und deren mobile Teams sollten überwiegend Auffrischimpfungen in Einrichtungen mit vulnerablen Gruppen durchführen, berichtet die Kreisbehörde.
Für Stadt und Landkreis Schweinfurt umgerechnet bedeutete dies, dass laut der neuen Vorgabe aus München ab Oktober statt bisher maximal 1000 Impfungen pro Tag in einer Sieben-Tage-Woche nur noch 169 bis 253 Impfungen pro Tag von Montag bis Freitag vorgesehen sind. Ungeachtet dessen hätten Stadt und Landkreis das Impfzentrum mit einer Kapazität weiterbetrieben, die 300 Impfungen pro Tag erlaubten – also mehr als vorgeschrieben. Zudem seien mit dem Impfladen in der Stadtgalerie und dem Impfbus ein weiteres niederschwelliges Impfangebot aufrecht erhalten worden, erklärt der Pressesprecher.
Mehr Impfteams im Einsatz als gefordert
Zum 3. November sei ihm zufolge die Kapazität um ein weiteres Team erhöht worden, was zusätzliche 100 Impfungen pro Tag ermöglichte. Dies musste das bayerische Gesundheitsministerium extra genehmigen, teilt das Landratsamt mit. Am 8. November habe der Freistaat seine Vorgaben angepasst. Ab da waren 400 Impfungen pro Tag pro 100 000 Einwohner gefordert, bei einer Fünf-Tage-Woche.
Die tatsächlichen Impfzahlen in Stadt und Landkreis lägen seit vergangener Woche laut Lösch "bei weitem" darüber: Im Zeitraum von 9. bis 15. November habe es in Stadt und Landkreis 831 Erst-, 926 Zweit- und 1167 Auffrischimpfungen gegeben, also durchschnittlich 585 Impfungen pro Tag.
Seit 15. November ist ein fünftes Impfteam – zwei Teams am Volksfestplatz, zwei in der Stadtgalerie, eines im Impfbus – im Einsatz, ab 22. November soll ein sechstes hinzukommen. Der Verträge mit dem Dienstleister 21Dx, der die Impfungen durchführt, sähen laut Pressesprecher Lösch vor, dass jedes Team rund 100 Menschen pro Tag impft. Damit stiege die Leistung ab kommender Woche auf mindestens 600 Impfungen pro Werktag bzw. 3000 Impfungen pro Woche. Die Behörde rechnet aber damit, dass diese Zahlen "weiterhin deutlich übertroffen werden".
Bitte: Ausgefüllte Dokumente zum Impfbus mitbringen
Auch das Impfbus-Team verabreiche mehr als die geforderten 100 Impfdosen pro Tag. Vergangene Woche seien es während der Tour im Raum Gerolzhofen an drei Tagen 354 Impfungen gewesen. An dieser Stelle bittet das Landratsamt Impfwillige darum, zu ihrem Besuch am Impfbus die vorab ausgedruckten und ausgefüllten Dokumente mitzubringen, um Wartezeiten zu verkürzen. Die Dokumente finden sich zum Download auf der Webseite des Landkreises. Dort finden sich auch die jeweils aktuellen Termine für die kommende Woche.
Längere Wartezeiten seien wieder zu erwarten, das Impfteam würde den Wartenden vor Ort jedoch frühzeitig mitteilen, wenn das vorhandene Impfkontingent ausgeschöpft ist, um unnötiges Warten zu vermeiden. Ab kommender Woche bleibe der Bus an den einzelnen Stationen auch länger stehen, kündigt das Landratsamt an.
Landratsamt: Impfangebot besser als in anderen Landkreisen
Eine rasche Ausweitung des Impfangebots, das der aktuell großen Nachfrage entspricht, ist nicht in Sicht. Laut Landratsamt könnten die Verträge mit dem Impfdienstleister nicht über die Fünf-Tage-Woche hinaus ausgeweitet werden, auch, weil dies den geltenden Vorgaben des Freistaats widerspräche. Das Angebot des Impfzentrums Schweinfurt von Montag bis Freitag sei im Vergleich zu anderen unterfränkischen Landkreisen "sehr umfassend". In Kreisen, wo auch samstags geimpft wird, seien Impfzentren "an deutlich weniger als Fünf Wochentagen" geöffnet. Dies bestätigt eine Recherche: Im Landkreis Kitzingen beispielsweise hat das Impfzentrum aktuell neben Samstag nur am Freitag geöffnet, im Landkreis Bad Kissingen wird freitags und samstags geimpft und im Landkreis Haßberge von Mittwoch bis Sonntag. Im Landkreis Rhön-Grabfeld öffnet das Impfzentrum von Montag bis Freitag, jedoch jeweils nur halbtags.
Um den anhaltenden Andrang besser koordinieren zu können, ist geplant, für die stationären Impfstellen – nicht für den Impfbus – wieder Terminvereinbarungen einzuführen. Zudem wird laut Landratsamt geprüft, inwieweit die Wiederinbetriebnahme einzelner Zweigstellen des Impfzentrums in Landkreis-Gemeinden den Impffortschritt beschleunigen würde.
gehören als allerletzte geimpft
Kommt noch hinzu, daß die, die nun die 3. Impfung benötigen wegen diesen "Schlafmützen" unnötig warten müssen..
Wir wissen seit langem, dass die Impfungen nach ca. 6 Monaten aufgefrischt werden müssen.
Für alle, die halbwegs klar denken (und 5 plus 6 rechnen) können, war damit die sehr hohe Nachfrage für die Auffrischungsimpfungen ab November absehbar.
Unsere Politik reduziert (Zitat) „zum 1. Oktober die vorgehaltenen aktiven Impfkapazitäten um rund 75 Prozent“.
Aber die Krönung – sozusagen die Kirsche auf der Sahne auf der Torte – ist der Umstand, dass wir diese Hochleistungsvollpfosten für diesen Irrsinn auch noch fürstlich entlohnen …
Sorry – aber wer solche Entscheidungen trifft, muss Platz machen für seinen Nachfolger. Ohne Wenn und Aber! Un-trag-bar!
Jetzt ist Impfstoff da, aber es fehlen die Impfstellen.
Niederschwelliges Impfen wäre jetzt angesagt vor Supermärkte, Apotheken usw., will man das die Leute sich impfen lassen und zu ihrem Booster kommen.
Eine Schande dieses unvorbereitete Land!
Es wird gequatscht und diskutiert statt gehandelt.
Das jede Menge Boosterimpfungen nötig sind, war der Politik seit dem Sommer bekannt.
Da gehörten so einige verklagt aus der Bundes- und Landespolitik.
Nicht arrogant auf Südeuropa schauen, die können es alle besser, scheinen aber auch eine Bevölkerung zu haben, die ziemlich Querdenkerbefreit ist.
Trotzdem sollte es in unserem "Laptop, - und Lederhosen Freistaat" möglich sein einen Wetterschutz gerade für ältere Mitbürger aufzustellen.
(Abzüglich von ein paar Einzelfällen.)