Der Würzburger Bischof Franz Jung hat allen Beschäftigten seiner Diözese versichert, dass niemand wegen seiner sexuellen Orientierung, seiner geschlechtlichen Identität oder Partnerschaften mit arbeits- beziehungsweise disziplinarrechtlichen Konsequenzen rechnen muss. Dass sich Jung als hochrangiger katholischer Geistlicher öffentlich hinter die Initiative #OutInChurch gestellt hat, die gegen die Ausgrenzung und Stigmatisierung queerer Menschen in der Kirche kämpft, begrüßt der Caritas-Kreisverband Haßberge außerordentlich. Doch was heißt das? Wie hält es die Caritas selbst mit Mitarbeitenden, die aus dem "klassischen" Schema fallen? Darüber hat die Redaktion mit Pastoralreferent Johannes Simon (62), dem Vorsitzenden, und Anke Schäflein (54), der Geschäftsführerin der Caritas-Kreisverbandes, gesprochen.
Anke Schäflein: Ich kann Ihnen versichern: Wenn ich damals schon verantwortlich gewesen wäre, ich hätte es auf jeden Fall möglich gemacht. Vielleicht nicht unter einer offiziellen Überschrift, aber ich hätte mich getraut. Ich bin kein ängstlicher Mensch und vermeide keine Konflikte, wenn am Ende eine gute Lösung stehen kann.
Johannes Simon: Die Frage ist eher, ob sich ein homosexuelles Paar im gesellschaftlichen Kontext von damals getraut hätte, zu seiner Situation zu stehen. Und ob das Paar zu uns in die Beratung gekommen wäre. In der Öffentlichkeit wurden solche Beziehungen meist verschwiegen. Heute wird Gott-sei-Dank sehr offen darüber geredet.
Schäflein: Sie sehen mich lachen: Ich bin geschieden. Als ich 1993 zur Caritas kam, da gab es schon Leute in Leitungspositionen, die geschieden und wiederverheiratet waren. So kann ich die Frage, glaube ich, aus der Praxis heraus beantworten. Die Caritas hat hier eine sehr starke „inklusive“ Tradition. Als ich Geschäftsführerin geworden bin, haben wir zusammen mit dem Vorstand die kirchliche Grundordnung (Anm. d. Red.: Die Grundordnung des kirchlichen Dienstes ist die wichtigste Rechtsquelle des kirchlichen Arbeitsrechts) gelesen, diskutiert und uns dann gegenseitig versichert, dass wir mit Themen wie Scheidung offen umgehen.
Schäflein: Nein, das fragen wir auch nicht ab. Natürlich möchte ich etwas über das Privatleben wissen, wenn jemand zu uns kommt. Aber insbesondere das Sexualleben unserer Mitarbeitenden interessiert uns überhaupt nicht. Wenn sie von sich aus Gesprächsbedarf haben ist, dann gibt es kein Tabu. Ich bin jetzt seit 2006 in der Verantwortung. Und seither sind auch alle möglichen Themen aufgetaucht. Wenn ich es für nötig gehalten habe, habe ich das auch in den Vorstand eingebracht, der ja die Leitlinien verantwortet. Und dabei hatte ich noch nie das Gefühl: Lass das mal lieber.
Simon: Dann habe ich damit keine Probleme. In der Tat leben manche Menschen ihre Beziehung sehr offen aus. Aber letzten Endes kommt es darauf an, dass ein Mensch einen anderen Menschen hat und gerne das Leben mit ihm teilt. Wenn es so ist, dann freut es mich.
Simon: Wir als Caritas wollen dazu beitragen, dass ein Mensch sein Auskommen hat und mit seinen Problemen oder Einschränkungen im Alltag zurechtkommt – um zum Beispiel die Schuldnerberatung zu nennen. Oder wir wollen in der Familienberatung dabei helfen, wie man das Knäuel der eigenen Ansprüche, der Ansprüche des Partners oder der Partnerin und die Ansprüche der Kinder gut miteinander entwirrt. Wir wollen unseren Beitrag dazu leisten, dass Leben gelingen.
Schäflein: In der kirchlichen Grundordnung sind verschiedene Mitarbeitergruppen geregelt. Da sind erstens die katholischen Mitarbeiter, zweitens Menschen mit anderen christlichen Religionen, drittens Menschen mit einer nicht-christlichen Religion und viertens die Menschen ohne Religion. Dass es diese Struktur überhaupt gibt, heißt: Es gibt auch all diese Mitarbeiter. Und sie werden bei uns auch alle eingestellt. Wir haben auch muslimische Mitarbeitende und das nicht erst seit 2015. Viele Menschen haben keinen klassischen Glauben. Sie sind aber sehr spirituell veranlagt. Diese Spiritualität in all ihren Formen bildet sich auch bei uns ab.
Schäflein: Wenn wir jemanden einstellen, dann haben wir verschiedene Fragepunkte. Und ein Fragepunkt von vielen ist die eigene Spiritualität. Wenn jemand einen Zugang dazu hat, und dann vielleicht noch ein Herz fürs Christentum oder sogar die Kirche als Institution, dann kriegt er da mehr Punkte als jemand, bei dem das nicht der Fall ist. Am Ende bekommt aber die Stelle, wer insgesamt die meisten Punkte hat.
Eine zwingende Voraussetzung ist die institutionelle Loyalität. Die Menschen müssen wissen, sie arbeiten bei einem kirchlichen Träger, sie sind Teil der katholischen Kirche. Sie müssen der Institution mindestens neutral gegenüber stehen. Gerade mit Blick auf die Missbrauchsfälle möchte ich nicht, dass meine Mitarbeitenden die Kirche grundsätzlich verdächtigen. Auf so einer Misstrauensbasis könnten wir kaum zusammenarbeiten.
Schäflein: Ich bin gut vernetzt und kenne viele Kolleginnen und Kollegen unterschiedlicher Couleur und unterschiedlichen Alters. Ich wüsste aber niemanden, bei dem das grundsätzlich anders ist. Vorstellbar wäre das allenfalls bei kleinen, rein ehrenamtlich geführten Einheiten.
Simon: Die Garantieerklärung, die unser Bischof Franz Jung für queere Mitarbeiter gegeben hat, ist nicht selbstverständlich. Ähnlich ist es bei der Caritas. Auch da hängt vieles vom Mut und den Überzeugungen der handelnden Personen ab. Da wünschte ich mir schon, dass die Menschen in anderen Diözesen etwas mutiger wären. Ich bekomme schon mit, dass es mancherorts ein Klima der Angst gibt. Aber vor was haben die Menschen Angst? Es gibt keine Scheiterhaufen mehr.
Schäflein. Das ist keine Frage der Personalakquise, sondern der Glaubwürdigkeit. Ich persönlich habe einen sehr starken persönlichen Bezug zur urchristlichen Idee. Sie prägt mich und trägt mich, auch dann, wenn ich mich überfordert fühle. Es wäre völlig schizophren, da wegen meines Menschenbildes andere Menschen auszuschließen.
Simon: Caritas ist eine Haltungsfrage. Es geht nicht darum, wie oft jemand betet. Es geht darum, wie sich jemand in einer Beratung gegenüber dem Ratsuchenden verhält. Oder wie jemand einen Menschen am Krankenbett pflegt. Durch die Caritas soll die Liebe und Zuwendung Gottes beim anderen ankommen. Wir sind sozusagen das Gesicht Jesu in einer heutigen Erscheinungsform. Da spielt es keine Rolle, dass die Gesellschaft und die Caritas heute viel offener und vielfältiger unterwegs sind als früher.
Schäflein: Bei mir wirkt sich das persönlich massiv aus. Ich komme immer wieder an den Punkt, an dem ich mich frage: Kann ich noch für diese Institution stehen, schaffe ich das noch von meiner eigenen Haltung her? Aber wenn alle, mit der passenden Haltung und dem richtigen Verhalten jetzt weglaufen, dann geht so etwas Gutes wie die kirchliche Gemeinschaft komplett den Bach runter.
Und ich bin nicht nur katholisch, sondern auch Frau. Wenn ich sehe, worum es Maria 2.0 geht, dann fühle ich mich persönlich betroffen. Und denke manchmal: Was habe ich da eigentlich verloren in der Kirche, die geben mir ja gar keinen Platz. Aber wir bleiben dran und machen uns weiter auf den Weg. Das dauert. Aber wir wollen eine Zukunft, in der alle einen Platz in der Kirche haben.
Simon: Die Kirche muss wieder mehr dazu beitragen, dass das Leben und Zusammenleben der Menschen gelingt. Dass wir mehr Unterstützung geben, wo Menschen in Not sind. Aber wir müssen auch neue Formen der Zusammenarbeit und Gleichberechtigung einüben. Da waren wir schon mal besser und haben viel Nachholbedarf in dem Sinne, die Würde eines jeden Menschen anzuerkennen. Die Kirche muss mutige Schritte der Veränderung gehen. Nach den Missbrauchsfällen und dem ganzen Leid, das geschehen ist, kommen wir an einen Punkt, wo wir die Dinge klarer ansprechen müssen. Das tut erst einmal weh. Und das ist bitter. Aber es ist notwendig, damit wir uns wieder auf die Werte besinnen, für die die Kirche steht.
Gut so, aber mutiger wäre es vor Jahren gewesen, solche Aussagen zu treffen.