Soziale Netzwerke sind bekanntlich keine guten Quellen. Chefredakteur Michael Reinhard hat diese nicht neue Erkenntnis am 29. Januar unterstrichen. Ich halte es für vorbildlich, dass er sich dabei zu einer Fehlentscheidung der Redaktion in der Berichterstattung über das tödliche Unglück der Jugendlichen in Arnstein bekannt hat. Denn darin war eine unsichere Information aus dem Internet verbreitet worden. Sie war überdies geeignet, das Leid von Angehörigen zu verstärken.
Redaktionelle Selbstreflektion
Reinhards Bekenntnis ist ein Stück redaktioneller Selbstreflektion. Die stützt Glaubwürdigkeit. Zu ihr gehört die Erkennbarkeit der Quellen, die Redaktionen nutzen. Die müssen vertrauenswürdig sein. Wann immer möglich sollte die Herkunft von Nachrichten für Leser nachvollziehbar sein. Diese Quellenklarheit ist im Internet eben oft nicht gegeben. Deshalb war für die Glaubwürdigkeit der Medien der Faktor Transparenz selten notwendiger als derzeit. Sie macht einen entscheidenden Unterschied zu dem, was oft im Net geboten wird.
Wer hat das geschrieben?
Fehlende Transparenz ist leider am gleichen Tag (29.1.17) in einem anderen Fall aufgefallen. Auf der Würzburger Lokalseite der Zeitung wurde über das Aquilin-Jahr berichtet. Die Überschriften lauteten: "Mit Mailand im Glauben verbunden" und "Ein Würzburger Schrein für eine Reliquie aus Italien".
Leser F.S. schrieb mir dazu:
"Beim sorgfältigen Studium der obigen Ausgabe mußte ich feststellen, daß die erste Seite des Lokalteils offensichtlich zur Gänze aus der redaktionellen in die Obhut der Katholischen Kirche geraten ist."
Zu dieser Ansicht konnte man gelangen, weil für beide Berichte keine Autorin und kein Autor genannt war. Man konnte sich fragen, wer das wohl geschrieben hat. Lediglich eine einzige Passage war auf eine Mitarbeiterin des Pressedienstes des Bischöflichen Ordinariats Würzburg (POW) zurückgeführt.
| Zwei Berichte über die Eröffnung des Aquilinjahres im Würzburger Lokalteil der Zeitung vom 29.1.17. Wer sie geschrieben hat, war nicht erkennbar - also auch nicht, dass sie aus dem Pressedienst des Ordinatiats ...
Aus dem Pressedienst des Ordinariats
Tatsache ist allerdings, dass die Beiträge insgesamt nahezu wörtlich vom POW kommen, was ich auf dessen Homepage nachlesen konnte. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Der POW ist eine zuverlässige Quelle, zumal bei diesem Thema. Aber er ist als Pressestelle des Ordinariats nicht unabhängig. Der Fehlgriff, ihn nicht als Quelle zu nennen, hat nicht die moralische Tragweite wie jener beim tödlichen Unglück in Arnstein. Aber auch bei der Berichterstattung über der Eröffnung des Aquilinjahres geht es grundsätzlich um Transparenz und Glaubwürdigkeit.
Beispiele für Unabhängigkeit
Sie können mir aber getrost glauben, dass die Redaktion dieser Zeitung an keiner Stelle kirchlicher Obhut anheim gefallen ist. Sie ist und bleibt unabhängig. Dafür können kritische Beiträge von namentlich genannten Redakteurinnen stehen: Am 2. Februar las man unter der Überschrift
"Schwierige Suche nach der Wahrheit" über Missbrauchsvorwürfe gegen einen hochrangigen Geistlichen oder am 4. Februar hieß es "Der Kampf um einen Seelsorger", als es um einen Querdenker als Prediger ging.
| Ein kritischer Bericht mit Kommentar zu Missbrauchsvorwürfen. Die Autorin, die ihn recherchiert hat, ist genannt. Das ist ein wichtiger Teil der Quellenklarheit.
| Eine Gemeinde will ihren Prediger nicht verlieren. Die Journalistin, die dieses Thema recherchiert hat, ist erkennbar. Der Text kommt aus keinem Pressedienst.