
Ideenreich, knackig und frisch: Die neue Tanz-Produktion am Mainfranken Theater sprudelt nur so vor überbordender Freude am Tanzen. Kevin O'Day, ehemaliger Artist in Residence der Würzburger Tanzcompagnie und aktuell am Staatsballett Karlsruhe tätig, hat als Gast mit "Tanzen bis in die Puppen" einen Abend choreographiert, der in seiner Energie 70 Minuten lang Lust aufs Mittanzen macht.
Das Werk "zelebriert das Tanzen", heißt es im Programmfolder - und genau so ist es: Die elf Tänzerinnen und Tänzer des Ensembles kommen aus der Isolation eines leichten Bühnennebels einzeln in den bis auf elf Hocker leeren Raum. Entstanden im ersten Pandemie-Jahr, reflektiert die Choreographie auch den Corona-Lockdown, lässt die Menschen erst allmählich wieder Kontakt zueinander aufnehmen.
Auftritt eines monsterkrakenartigen Wesens
Dann aber geht es los: Wie Kinder erkunden die Ensemblemitglieder im Freizeit-Look ihre Hocker, bauen Reihen, Gebilde und Skulpturen, die zu diversesten körperlichen Betätigungen herausfordern. Sie krabbeln, turnen, springen, kullern, fliegen, werden zu gummiweichen Menschen, die einfach ihre Lust am Tanz wieder entdecken und ungehemmt herauslassen.
Yester Mulens García ist es, der die Verbindung zu einer Kindheit herstellt, in der nicht nur die Mutter eine dominante Rolle spielte, sondern auch Puppen. Seinem komödiantisch und körpersprachlich brillanten Solo zu kubanischer Musik folgt der Auftritt eines monsterkrakenartigen Wesens: Ein grauer Haufen schlauchartiger und beweglicher Gebilde teilt sich in elf gesichtslose, menschengroße Puppen für die Mitwirkenden. Sie werden zu Tanzpartnern beim Walzer, zur Spielpuppe des Kindes, zum Liebespartner, zum Alter Ego.
Durch die Menschen bekommen sie so etwas wie eine Persönlichkeit eingehaucht, können aber auch willenloses Objekt sein, dessen man sich leicht entledigt, wenn man es nicht mehr benötigt. Eine geniale und phantasiezündende Übersprungsidee, ausgelöst durch die Redewendung "bis in die Puppen tanzen".
Aufführung lässt den Nussknacker vergessen
Auch die Musikauswahl von Kevin O'Day hat es in sich: Iggy Pop steht auf der Playlist, James Brown oder Duke Ellington, das witzige "Mad Dogs and Englishmen" von Noel Coward, aber auch Franz Schuberts "Leiermann" oder eines seiner Impromptus. Ein langsamer Walzer, eine hörbar über Schellack knisternde nostalgische Session, wilder Jazz mit Improvisationen, die auch Grundlage für Soloeinlagen der Tänzerinnen und Tänzer sind: Marcel Casablanca, Debora Di Biagi, Ya-Chin Huang, Mirko Ingrao, Tyrel Larson, Blai López Sánchez, Matisse Maitland, Matteo Mersi, Yester Mulens García, Maya Tenzer und Alba Valenciano López werfen sich selbst und all ihre gewaltige Bewegungs- und Ausdrucksvielfalt in den Raum, tanzen quicklebendig wie die Springmäuse, hingebungsvoll in trostloser Leere, elektrifiziert zu harten Beats.
Ein dramaturgischer Bogen, eine sich fortspinnende außertänzerische Erzählung ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen. Der kurzweilige Abend gleicht eher einem bunten Kaleidoskop, in dessen Zentrum einfach der Tanz an sich steht und sich selbst genug ist. Nachvollziehbar ist aus dieser Sicht die spontane Aussage einer begeisterten Besucherin: "Wenn du die tanzen siehst, brauchst du kein Nussknacker-Ballett mehr." Jubel für die Premiere, minutenlanger Applaus, man verlässt das Theater beschwingt.
Weitere Termine: So, 23.6., Do, 27.6., Di, 2.7., Fr, 19.7. und Mi, 24.7.2024