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Arnstein
Berufswahl: Schwierige Ausbildungssuche für Schüler in Corona-Zeiten
Stellen heuer weniger Unternehmen ein? Was lernt man als Auszubildender im Homeoffice? Diese Fragen stellen sich derzeit viele Schüler. Eine Realschülerin erzählt von ihrer Suche.
Stellen die Unternehmen in der Pandemie weniger Azubis ein? Nein, sagen Vertreter von Handwerkskammer und IHK, aber den Unternehmen fehlen zum Beispiel die Messen, um Kontakt zu den Schülern herzustellen. 
Foto: Sebastian Willnow/dpa | Stellen die Unternehmen in der Pandemie weniger Azubis ein? Nein, sagen Vertreter von Handwerkskammer und IHK, aber den Unternehmen fehlen zum Beispiel die Messen, um Kontakt zu den Schülern herzustellen. 
Carolin Schulte
 |  aktualisiert: 08.02.2024 16:15 Uhr

Mareike Krönert steht vor einer schweren Entscheidung: Will sie im Herbst eine Ausbildung zur Hauswirtschafterin in einem Tagungshaus anfangen, oder als Einzelhandelskauffrau in einem Supermarkt? Zusagen hat die Realschülerin von beiden Betrieben. Die Pandemie macht es ihr zusätzlich schwer: "Wenn die Situation im Herbst so ist wie jetzt  – vielleicht kann meine Ausbildung dann gar nicht richtig stattfinden", sorgt sie sich.

"Alle in meiner Klasse haben im letzten Jahr ein wenig in der Luft gehangen", erzählt die 16-Jährige, die die zehnte Klasse der Realschule Arnstein besucht. Bewerbungstrainings und Azubimessen fielen aus, Praktika konnten nur in seltenen Fällen stattfinden. Mareike hatte Glück und konnte in dem Tagungshaus, das ihr nun einen Ausbildungsplatz anbietet, in den vergangenen Herbstferien doch noch ein Praktikum machen. Da war die Herberge für Gäste allerdings schon geschlossen – Mareike bekam also einen sehr guten Eindruck davon, wie ihre Ausbildung im Lockdown ablaufen könnte. 

Lockdown verzögert Bewerbungsprozesse

Mareike Krönert besucht die zehnte Klasse der Realschule Arnstein und will im Herbst 2021 eine Ausbildung anfangen.
Foto: Krönert | Mareike Krönert besucht die zehnte Klasse der Realschule Arnstein und will im Herbst 2021 eine Ausbildung anfangen.

Ein Vorstellungsgespräch für die Ausbildung sollte eigentlich im Januar stattfinden, wurde aber wegen der Pandemie verschoben. "Es hieß, ich solle mich nach dem Lockdown wieder melden – und dann wurde der Lockdown immer wieder verlängert", erinnert sie sich.

Mareike interessiert sich für die Arbeit mit Lebensmitteln und wählte auch in der Realschule den Schwerpunkt Ernährung und Gesundheit. Auch Kontakt zu Menschen ist ihr wichtig. So kommt sie auf die Idee, sich auch als Einzelhandelskauffrau zu bewerben, ein krisensicherer Job, wie die Corona-Pandemie gezeigt hat. Die Ausbildung im Supermarkt hätte für sie außerdem den Vorteil, dass sie zu Hause wohnen bleiben und die Berufsschule in Karlstadt besuchen könnte.

2020 weniger Ausbildungsverträge abgeschlossen

Wie Mareike und ihre Klassenkameraden hängen derzeit wohl viele Schüler der Abschlussklassen "in der Luft". Laut Umfragen von Portalen wie Ausbildung.de machen sich mehr als die Hälfte der befragten Schülerinnen und Schüler Sorgen, dass wegen der Corona-Krise zum Beispiel weniger Ausbildungsplätze geben und sie leer ausgehen könnten.

Tatsächlich wurden nach Informationen der IHK im Herbst 2020 im Landkreis Main-Spessart 12,6 Prozent weniger Ausbildungsverträge abgeschlossen, als im Vorjahr. Das hat mit Corona zu tun, weiß Lukas Kagerbauer, Bereichsleiter für Berufsausbildung bei der IHK Würzburg Schweinfurt. "Das liegt aber nicht daran, dass es unbedingt weniger Stellen gibt", so Kargerbauer, "sondern dass Bewerber und Unternehmen nicht zueinander finden." Bei den Bewerbern sei eine enorme Unsicherheit zu spüren: Wie geht es mit dem Ausbildungsbetrieb in der Corona-Krise weiter und wie kann eine Ausbildung jetzt stattfinden? Die Schüler entschieden sich da lieber für eine "sichere" Option und wechselten an die FOS/BOS, statt sich auf das "Minenfeld Ausbildung" zu begeben, so Kagerbauers Eindruck.

Handwerk sucht 165 Azubis in MSP

Diese Sorgen seien unbegründet, man müsse nun Wege finden, den Schülern die Unsicherheit zu nehmen. "Da fehlen uns im Moment die Berufsmessen, die Orientierung an den Schulen und die Praktika", so Kagerbauer. Online-Veranstaltungen seien besser als nichts, aber könnten einen persönlichen Kontakt nicht ersetzen.

Auch die Handwerkskammer teilt auf Anfrage mit, dass sich Bewerber keine Sorgen machen müssen: 1600 Lehrstellen sind in ganz Unterfranken ausgeschrieben, das sei etwa auf dem Niveau der Vorjahre. Im Main-Spessart-Kreis gibt es im Handwerk 165 Stellen. Jeder Auszubildende sei eine Fachkraft für Morgen, so der Geschäftsführer der Handwerkskammer Ludwig Paul. "Und Fachkräfte werden im Handwerk dringend gebraucht."

Berufsentscheidung ist noch nicht gefallen

Mareike ist froh, dass sie sich schon früh mit dem Thema Ausbildung beschäftigt hat. Sie konnte so noch alle Möglichkeiten zur Berufsorientierung nutzen, die es vor der Pandemie gab: Bei einer Ferienwerkstatt für Schüler schnupperte sie 2019 in fünf verschiedene Ausbildungsberufe hinein; machte in den Ferien ein Praktikum in einer Apotheke und jobbte in einer Tagespflegeeinrichtung. Ein Praktikum im Kindergarten musste aufgrund des ersten Lockdowns vor einem Jahr ausfallen.

Bald muss sich Mareike entscheiden, auch, damit sie dann den Kopf frei hat für die anstehenden Abschlussprüfungen. "Es tut mir jetzt schon leid für den Betrieb, dem ich absagen muss. Aber ich bin auch sehr froh, dass ich zweimal angenommen wurde."

 
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  • juergenmagic@t-online.de
    Selbstverständlich kann man Vorstellungsgespräche oder Bewerbungsverfahren auch in dieser Zeit durchführen, wenn man die notwendigen Schutzmaßnahmen beachtet. Wo ich arbeite, haben wir das die letzten Wochen und Monate auch so durchgeführt und konnten so unsere Ausbildungsplätze besetzen. Auch Praktikas werden durchgeführt. Man kann ja nicht alles lahmlegen, die Schüler und Studenten sind eh gestraft genug.
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