
Der Absturz der Ölpreise hält Finanzmärkte und Weltwirtschaft in Atem – Venezuela kämpft mit der Staatspleite, Russland plündert seine Währungsreserven, um den Niedergang des Rubels zu stoppen. Der Fracking-Boom in den USA und die ungedrosselte Ölförderung Saudi-Arabiens treiben die Energiepreise in den Keller. Die Konsequenz: eine enorme Verschiebung der Machtverhältnisse am Ölmarkt, die Spekulationen über geopolitische Kalküle befeuert.
„Ist es nur meine Einbildung, oder ist ein neuer weltweiter Ölkrieg im Gange, bei dem die USA und Saudi-Arabien auf der einen und Russland und der Iran auf der anderen Seite stehen?“, fragte sich Leitartikler Thomas Friedman von der renommierten „New York Times“ bereits im Oktober. Man könne nicht sicher sagen, ob die „amerikanisch-saudische Öl-Allianz“ nur ein Zufallsprodukt sei, schreibt Friedman. Doch sollte sie beabsichtigt sein, so handele es sich mit Sicherheit um einen Versuch, dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und dem obersten iranischen Führer Ajatollah Ali Khamenei zu schaden. „Pumpt sie zu Tode – ruiniert sie, indem der Ölpreis unter das Niveau getrieben wird, das Moskau und Teheran brauchen, um ihre Staatsbudgets zu finanzieren.“
Auch der Wirtschaftsprofessor Martin Feldstein von der Harvard-Universität sagt: „Zu den großen Verlierern der fallenden Ölpreise zählen Länder wie Venezuela, der Iran oder Russland, die keine Freunde der USA und ihrer Verbündeten sind.“ Es sei unklar, ob die aktuellen Regierungen in Caracas, Teheran und Moskau eine Zukunft mit billiger Energie überstehen würden. „Ein weiterer Rückgang der Ölpreise könnte massive geopolitische Auswirkungen haben.“
Alle drei Regime betreiben Volkswirtschaften, die stark vom Ölexport abhängig sind. Zwar unterscheiden sich die Situationen in den einzelnen Ländern: Während Venezuela bereits am Rande der Staatspleite steht, ist Russland – trotz der jüngsten Panik am Devisenmarkt – angesichts niedriger Schulden und hoher Währungsreserven zumindest etwas robuster aufgestellt. Der Iran darf wegen Sanktionen aufgrund des Atomstreits mit dem Westen ohnehin nur wenig Öl exportieren. So oder so: Die Länder können sinkende Ölpreise absolut nicht gebrauchen.
Machen Saudis und Amerikaner deshalb gemeinsame Sache? Dagegen spricht, dass der Schiefer-Boom, der die US-Ölproduktion auf das höchste Level seit Jahrzehnten getrieben und so zu einer weltweiten Überversorgung an Öl geführt hat, ein dezentrales Phänomen ist.
Die Fracking-Industrie bilden viele Firmen, die ihre Entscheidungen autonom treffen und nicht an geopolitischen Motiven ausrichten. „Im Kollektiv betrachtet, sind das nicht die gebildetsten Leute – vor allem, wenn es um die Weltmärkte geht“, sagte Experte Charles Ebinger von der US-Denkfabrik Brookings jüngst dem Magazin „Businessweek“.
Die Saudis wiederum verfolgen ihre eigenen Interessen. Vermutlich werden sie nicht trauern, wenn der Ölpreisverfall Teheran in Bedrängnis bringt. Das ändert aber nichts daran, dass die US-Fracking-Industrie eine Bedrohung für die Scheichs ist. Die Saudis haben die geringeren Förderkosten – deshalb versuchen sie, Gegner im Preiskrieg an die Schmerzgrenze zu bringen, ab der sich Produktion und Investitionen nicht mehr rechnen.
Diese Waffe dürfte vor allem dazu dienen, Marktanteile gegen amerikanische Fracking-Firmen zu verteidigen. Dass durch den sinkenden Ölpreis aber zugleich Geopolitik im Sinne der USA unterstützt wird, steht auf einem anderen Blatt.
Fracking
Das umstrittene Fracking ist ein spezielles Verfahren zur Gewinnung von Erdgas oder Erdöl aus Gesteinsporen. Beim „Hydraulic Fracturing“ wird das Gestein in 1000 bis 5000 Metern Tiefe unter hohem Druck aufgebrochen. Dank moderner Bohrtechniken, bei denen erst nach unten und dann im Untergrund quer gebohrt wird, lohnt sich dieses aufwendige Verfahren aus Sicht der Förderunternehmen. Vor allem die USA setzen auf Fracking – auch, um unabhängiger von Erdöl- und Erdgaslieferungen aus dem Ausland zu werden. Die „Fracking-Revolution“ in den Vereinigten Staaten gilt als ein Mitauslöser des internationalen Preisrutschs bei Rohöl und Erdgas. In Deutschland gibt es ebenfalls nennenswerte Vorkommen sogenannter
unkonventioneller Erdgas-Lagerstätten. Man findet sie zum Beispiel in
Schiefertonformationen, Kohleflözen und dichten Sandsteinformationen. Besonders in der Bundesrepublik ist die Fördermethode allerdings sehr strittig. Um eingelagertes Gas zu „fracken“, wird in der Regel ein flüssiges Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien in den Boden gepresst. Dadurch entstehen Risse im Gestein, durch die das Gas entweichen und über Bohrrohre an die Oberfläche gelangen kann. Umweltschützer fürchten durch die Chemikalien eine Verunreinigung des Trinkwassers, Kritiker machen das Fracking auch für Mini-Erdbeben verantwortlich. Text: dpa