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Der lange Schatten der Nazizeit
Einmarsch der deutschen Wehrmacht 1938 in Österreich       -  Zwei Tage nachdem Wehrmachtssoldaten in Österreich einmarschiert waren, jubelten 250 000 Menschen Adolf Hitler bei der „Befreiungsfeier“ auf dem Wiener Heldenplatz zu.
Foto: Votava, dpa | Zwei Tage nachdem Wehrmachtssoldaten in Österreich einmarschiert waren, jubelten 250 000 Menschen Adolf Hitler bei der „Befreiungsfeier“ auf dem Wiener Heldenplatz zu.
Mariele Schulze-Berndt
 |  aktualisiert: 18.03.2018 02:54 Uhr

Österreich erinnert sich mit gemischten Gefühlen des „Anschlusses“ an das Deutsche Reich vor 80 Jahren. Am 12. März 1938 marschierten deutsche Truppen ins Land, von der Bevölkerung begeistert begrüßt. Zwei Tage später jubelten 250 000 Menschen Adolf Hitler bei der „Befreiungsfeier“ auf dem Wiener Heldenplatz zu. Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen mahnt, jene nicht zu vergessen, die sich gleichzeitig aus Angst zu Hause versteckten. Denn sofort nach dem „Anschluss“ Österreichs begannen Deportationen sowie die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Fast 100 000 bis dahin im Untergrund aktive illegale österreichische NSDAP-Mitglieder hatten das von langer Hand vorbereitet.

„Die Nazizeit hängt uns immer noch hinterher, wie man an irgendwelchen Liederbüchern sieht.“
Erhard Busek, früherer ÖVP-Vizekanzler

Als der Krieg endete, zählte die NSDAP 700 000 Mitglieder in Österreich. Doch die USA, Großbritannien und die Sowjetunion erklärten Österreich trotzdem 1943 zum ersten Opfer Hitlers, das „von deutscher Herrschaft befreit werden soll“. Mit diesem „Persilschein“ pflegten Politik und Gesellschaft jahrzehntelang den Opfermythos. Der Preis dafür war hoch; denn die eigene Mitschuld wurde erst in den 1980er Jahren Thema, und die Aufarbeitung der Verbrechen der NS-Zeit fand verzögert statt. „Die Nazizeit hängt uns immer noch hinterher, wie man an irgendwelchen Liederbüchern sieht“, sagt Erhard Busek, der frühere ÖVP-Vizekanzler mit Blick auf die jüngsten Entdeckungen antisemitischer Texte in Burschenschaften. Der Historiker Oliver Rathkolb analysiert, dass der Wunsch der Bevölkerung nach starken, autoritären Politikern wieder steigt. Rathkolb fordert eine umfassende Aufklärung der braunen Vergangenheit der FPÖ.

Die FPÖ, die heute zusammen mit der ÖVP regiert, wurde nach dem Krieg von ehemaligen Nazis für ehemalige Nazis gegründet. Zunächst wurde sie deshalb ausgegrenzt, in den 1970er Jahren stieg sie als populistische Oppositionspartei auf und erlebte unter Jörg Haider an der Spitze der Partei eine kurze liberale Phase und daraufhin die Spaltung. Seitdem kämpfen der nationale und der liberale Flügel in der FPÖ um die Vorherrschaft. Eine interne Historikerkommission soll den bis in die Gegenwart reichenden Antisemitismus aufarbeiten. „Ob sie erfolgreich sein wird, hängt nicht zuletzt davon ab, wie gründlich und objektiv sie arbeitet und ob die Burschenschaften ihre Archive öffnen,“ sagte Ex-Bundespräsident Heinz Fischer, der das Gedenkjahr vorbereitet hat.

Die FPÖ-Regierungsmitglieder wie Parteichef Heinz Christian Strache und Innenminister Herbert Kickl versuchen, die eigene Basis durch populistische Aktionen ruhig zu halten. Das Gesetz gegen das Rauchverbot, die Einführung einer berittenen Polizei, die Angriffe auf ORF und andere Medien beweisen das.

Der bisherige Höhepunkt scheint eine Razzia im Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismus zu sein, bei der möglicherweise rechtsstaatliche Regeln gebrochen worden sind. Die Staatsanwaltschaft, assistiert von einer Polizeieinheit für Straßenkriminalität, konfiszierte dabei auf Anweisung des FPÖ-geführten Innenministeriums unter anderem Dateien mit Informationen über Rechtsextreme und Burschenschaften. Die Polizeieinheit stand unter Leitung eines FPÖ-Mannes.

Beobachter halten das für rechtlich unzulässig und vermuten unzulässige Ausforschung durch die FPÖ, die erfahren will, was gegen sie vorliegt. Das ÖVP-geführte Justizministerium überprüft den Vorgang. Die SPÖ droht mit einem Untersuchungsausschuss, wenn sich der Verdacht bestätigt. Dies überschattet die heute beginnenden Gedenkfeiern.

 
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