
Ermittlern aus 38 Ländern ist der europaweit bislang größte Schlag gegen Kinderpornografie gelungen. Sie konnten die Darknet-Plattform „Kidflix” abschalten, die im Zeitraum der Ermittlungen von rund 1,8 Millionen Menschen genutzt wurde, um sich Fotos und Videos von teils schwerem sexuellem Kindesmissbrauch anzuschauen. Rund 1.400 Verdächtige konnten bislang identifiziert werden, 79 Menschen wurden insgesamt festgenommen, wie das federführende Bayerische Landeskriminalamt (BLKA) in München mitteilte.
Den Fahndern ist klar, dass sie noch einen Berg an Arbeit vor sich haben, und noch zahlreiche Ermittlungen folgen werden. Dennoch zeigten sie sich schon vom bisherigen Erfolg der „OP Stream” erfreut: „Uns ist ein großer Schlag, einer der größten der letzten Jahrzehnte, wenn nicht überhaupt, gegen die Kinderpornografie gelungen”, sagte BLKA-Vizepräsident Guido Limmer.
Internationale „Aktionswochen” mit zahlreichen Durchsuchungen
Die Ermittler von Albanien über Neuseeland bis Kolumbien schlugen zwischen dem 10. und dem 23. März konzertiert zu und durchsuchten in 31 Ländern zahlreiche Wohnungen. Dabei beschlagnahmten sie Tausende elektronische Geräte und Speichermedien, die zum Großteil nun noch ausgewertet werden müssen. Die Verdächtigen sollen nicht nur Abbildungen schwerer sexualisierter Gewalt gegen Kinder angeschaut oder heruntergeladen haben - einige von ihnen werden auch des aktiven Missbrauchs verdächtigt.
In Deutschland durchsuchten die Fahnder 96 Wohnungen in allen Bundesländern außer Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein. Bundesweit wird derzeit gegen 103 Beschuldigte ermittelt. Außerdem konnten auf dem gesicherten Datenmaterial bislang zwei missbrauchte Kinder aus Deutschland identifiziert werden.
„Aufnahmen von echtem, realem, brutalem Missbrauch von Kindern”
Es handele sich nicht um gefakte oder computergenerierte Aufnahmen, betonte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU). „Sondern es sind die Aufnahmen von echtem, realem, brutalem Missbrauch von Kindern.” Der leitende Oberstaatsanwalt Thomas Goger vom Zentrum zur Bekämpfung von Kinderpornografie und sexuellem Missbrauch im Internet bei der Zentralstelle Cybercrime Bayern ergänzte, es sei für die Ermittler zwar ein Spagat gewesen. Doch wenn weiterhin Gefahr gedroht habe, seien sofort Maßnahmen zum Schutz der Opfer ergriffen worden.
So wurde der minderjährige Sohn eines 36-Jährigen, der im Zuge der Ermittlungen schon im Januar 2024 im Bereich Chemnitz festgenommen worden war, in die Obhut des Jugendamtes gegeben. Auch zwei Kinder, die im Haushalt eines 30-Jährigen lebten, dessen Wohnung in Mittelfranken im Januar 2025 durchsucht wurden, befinden sich den Angaben zufolge nicht mehr in der Familie.
39 Kinder geschützt
Aufgrund der Ermittlungen seien international 39 Kinder in Schutz genommen worden, teilte ergänzend Europol in Den Haag mit. Die Behörde hatte die grenzüberschreitenden Ermittlungen unter Führung des BLKA koordiniert. Demnach handelte es sich bei „Kidflix” um eine der größten Pädophilen-Plattformen weltweit. Der Einsatz sei der bisher größte gegen den sexuellen Missbrauch von Kindern in Europa gewesen.
Die Ermittler betonten den neuen Charakter der Plattform, die nicht wie bislang üblich zum Tausch von Dateien, sondern rein zum Geldverdienen aufgesetzt worden sei. Bayerns Justizminister Georg Eisenreich (CSU) sagte, dass schon die Namenswahl mit der Anlehnung an den Streaming-Anbieter Netflix die widerliche Haltung der Betreiber zeige. 180 Dollar habe ein lebenslanger Zugang gerade einmal gekostet, Einsteigerpreise hätten im einstelligen Bereich gelegen, schilderte Goger.
Betreiber der Plattform noch nicht gefasst
Die Ermittlungen hatten 2022 begonnen. Seither standen den Nutzern auf der Plattform in Summe als 91.000 Videos mit einer Gesamtlaufzeit von fast 6.300 Stunden zur Verfügung. Im Schnitt wurden den Angaben zufolge pro Stunde 3,5 neue Videos neu hochgeladen. Die Server waren am 11. März von deutschen und niederländischen Behörden beschlagnahmt worden, zu diesem Zeitpunkt waren rund 72.000 Videos verfügbar.
Die Ermittler konnten die Verdächtigten über die akribische Verfolgung der „Spur des Geldes” identifizieren, obwohl die Bezahlung im Darknet in vermeintlich anonymen Kryptowährungen vonstattenging und die Beteiligten ein hohes Maß an Verschleierungstaktiken beherrschten, wie Goger schilderte.
Dies gelte insbesondere für den Betreiber der Plattform, dessen die Ermittler noch nicht habhaft werden konnten. Der Betreiber „versteht offensichtlich sein Handwerk”, sagte Goger - um hinzuzufügen: „Wir auch.” Er sei zuversichtlich, auch dem oder den Hauptverantwortlichen noch auf die Spur zu kommen.
Plattform von Cyberkriminellen eingerichtet
„Kidflix” war nach Angaben von Europol 2021 von Cyberkriminellen errichtet worden. Über die Plattform konnten Nutzer gegen Bezahlung Videos, die sexuellen Missbrauch von Kindern zeigen, laden und auch streamen.