Als Muchtar Al Ghusain 2006 als Referent ins Würzburger Rathaus kam, war dies für viele eine faustdicke Überraschung. Nach fast zwei Amtszeiten kehrt er nun seiner Heimatstadt den Rücken und übernimmt ab März eine neue Aufgabe in Essen. Die Redaktion sprach mit ihm darüber, was er in seiner Amtszeit in Würzburg bewirken konnte und was er gerne noch erledigt hätte.
Muchtar Al Ghusain: Mit diesem Thema habe ich mich im Frühjahr 2017 befasst. Auslöser war damals der anstehende Termin für die Wiederwahl. Da habe ich angefangen zu überlegen, wie es weitergehen soll, weil ich wusste, dass diese Frage nach der Sommerpause auf mich zukommen würde. Auch das Thema einer Kandidatur für den Bayerischen Landtag hat mich damals beschäftigt. Ich glaube, es wäre falsch gewesen, wenn das für mich als damaliger Würzburger SPD-Vorsitzender keine Option gewesen wäre. Manche haben auch erwartet und erhofft, dass ich mich für den Landtag bewerben würde.
Aber ich habe mich dann aus freien Stücken dafür entschieden, die Kandidatur nicht anzustreben. Ich habe die bessere Alternative darin gesehen, in der Exekutive zu gestalten und Verantwortung zu übernehmen. Ein Landtagsmandat wäre eine ganz andere Aufgabe gewesen. Und außerdem war zu dieser Zeit nicht unbedingt damit zu rechnen, dass die SPD in Bayern Regierungsverantwortung übernehmen würde.
Al Ghusain: Das stimmt. Denn von der Ausschreibung in Essen habe ich erst im Oktober erfahren. Aber manchmal ist es wichtiger eine klare Entscheidung zu treffen als eine vage Perspektive zu haben.
Al Ghusain: Die Option Würzburg stand nach wie vor offen, denn ich habe den Stadtrat ja ganz bewusst um eine Ausschreibung der Stelle des Kultur-, Schul- Sportreferenten gebeten. Dass der Stadtrat dem zustimmte, hat ja gezeigt, dass manche eine andere Person an dieser Stelle wünschten. Insofern war das für mich die konsequenteste Entscheidung.
Al Ghusain: Nein gar nicht, mir geht es sehr gut. Ich kann ja auch eine gute Bilanz meiner Arbeit vorlegen. Ich erhalte momentan eine unglaubliche Fülle an freundlichen und auch wehmütigen Reaktionen. Außerdem habe ich in Essen eine hoch spannende Perspektive.
Al Ghusain: Nach den finanziellen Krisenjahren ist es gelungen, eine neue Aufbruchstimmung für das kulturelle Leben zu erzeugen. Viele Einrichtungen befanden sich damals in großer Bedrängnis und manche hatten sich ein Stück weit zurückgezogen. Da ist es an vielen Stellen gelungen, Verbesserungen zu erzielen. Oder nehmen Sie das Mainfranken Theater. Dass dieses jetzt nach all den Diskussionen mit hohem finanziellen Aufwand saniert wird, wurde in vielen mühevollen Debatten erkämpft. Vor fünf oder sechs Jahren sind wir für erste Kostenschätzungen, die noch deutlich unter den heutigen lagen (aktuell werden die Sanierungskosten auf 65 Millionen Euro beziffert, Anm. d. Red.) massiv kritisiert worden.
Ein anderes Beispiel: Würzburg ist eine ausgesprochen vitale Stadt mit einer Fülle an unterschiedlichen Festivals, die erfolgreich sind und jedes für sich ihr Publikum haben. Das Mozartfest steht heute ganz anders da. Es geht auf sein 100-jähriges Bestehen zu und hat mit Intendantin Evelyn Meining an Profil und Reputation deutlich zugelegt. Durch die Einrichtung des MozartLabors hat es eine völlig neue Dimension gewonnen. Hier kann man erfahren, dass es in der Musik um existenzielle Fragen des Menschseins geht. Ich kann nur jedem einen Besuch dort empfehlen.
Auch der Hafensommer ist ein Erfolg. Er fügte der Festival-Palette eine neue Facette hinzu und hat ein ganz spezielles Profil entwickelt.
Al Ghusain: Das Festival war in den ersten Jahren ein zartes Pflänzchen, das Wurzeln schlagen und wachsen musste. Außerdem waren drei der ersten Jahre durch den Umzug auf die andere Mainseite belastet. Was den künstlerischen Leiter betrifft: Es ist nicht mein Stil, sich nach dem Hire-and-Fire-Prinzip gleich wieder von Mitarbeitern zu trennen. Man musste in der ersten Phase dem Hafensommer Raum geben, um zu wachsen.
Außerdem standen wir damals vor vielen Herausforderungen: Ein ohnehin knapp besetztes Kulturamt musste ein zusätzliches Projekt aufbauen, dessen finale Größe nicht absehbar war. Rückblickend weiß man, dass das Budget anfangs zu zurückhaltend angesetzt war. Das konnte aber inzwischen trotz aller Kritik gemeinsam mit dem Stadtrat erfolgreich nachjustiert werden. Heute steht der Hafensommer – mit einer fast komplett neuen Leitung – stabil da und wird als qualitativ hochwertiges Festival wahrgenommen und das weit über Würzburg hinaus.
Al Ghusain: Ich wäre gerne bei dem Thema Soziokultur weiter gekommen Dieser Begriff ist für viele, gerade in Bayern, immer noch erklärungsbedürftig. In Würzburg bringen ihn einige immer noch mit dem alten Autonomen Kulturzentrum in Verbindung, andere mit dem Jugendkulturhaus Cairo und wieder andere mit der Posthalle. Was hier fehlt, ist ein Zentrum wie die Tafelhalle in Nürnberg, das E-Werk in Erlangen oder die Centralstation in Darmstadt.
Al Ghusain: Zu jeder Idee braucht man Menschen, die sie auch umsetzen. Außerdem muss man die richtigen Orte und Räume dafür finden. Und beides muss man zum richtigen Zeitpunkt zusammenführen. Das kann man nicht bestellen. Was gerade auf dem Bürgerbräu-Gelände passiert, ist eine erfreuliche und spannende Entwicklung. Beim Central Kino haben die Umstände gepasst, aber das kann man nicht von oben anordnen.
Al Ghusain: Ich mag solche pauschalen Zuschreibungen nicht. Es gibt hier viele, die in dieser Hinsicht aktiv sind und auf Impulse warten. Aber es hat einfach noch nicht geklappt. Es ist aber auch schön, wenn es noch Aufgaben für die Zukunft gibt.
Al Ghusain (denkt lange nach): Eine Demokratie braucht Demokraten (Zitat Friedrich Ebert). Es wäre doch schlimm, wenn man sich vorwerfen lassen müsste, dass man sich in einer demokratischen Partei engagiert. Auch die Kommunalpolitik ist nicht frei von Parteipolitik.
Für mich war das jedenfalls eine der spannendsten Phasen meines Lebens. In anderen Städten ist es normal, dass städtische Referenten auch parteipolitisch engagiert sind. Es gibt keinen Grund, das zu kritisieren.
Eine Zuspitzung hat es ja erst in der Debatte über den Bürgerentscheid zum Mozartareal gegeben. Ich habe mich für den Erhalt ausgesprochen, während die Verwaltung eine andere Strategie verfolgte. Das war sicher eine Belastung. Und ich räume selbstkritisch ein, dass ich mich an diesem Punkt von der übrigen Verwaltung abgesetzt habe. Das muss einem Referenten aber auch zugestanden werden. Natürlich hätte ich jede spätere Entscheidung der Verwaltung auch mitgetragen, aber zu diesem Zeitpunkt war noch alles offen.
Al Ghusain: Die Veränderungen waren möglich, weil es in der Stadtgesellschaft Partner gab, die ähnliche Ziele verfolgten. Ich nenne hier beispielhaft den Arbeitskreis Stolpersteine oder die Nagelkreuz-Initiative. Aber auch Einzelakteure wie Rotraud Ries, Benita Stolz, Roland Flade, Hans Steidle oder Burkard Hose waren wichtige Partner auf diesem Weg.
Als Aufgabe für die Zukunft bleibt die kritische Auseinandersetzung mit der jüngeren Geschichte aus immer wieder neuen Blickwinkeln. Außerdem bleibt, auch im Hinblick auf das Museum für Franken, die spannende Aufgabe, wie die Stadt ihre Geschichte erzählen will. Denn dort manifestiert sich künftig der Umgang mit der Stadtgeschichte.
Al Ghusain: Auch wenn meine Sozialisation über den Kulturbereich erfolgte, war mir das Thema Schulen immer genauso wichtig. Es gab und gibt hier weiterhin Handlungsbedarf. Es ist gelungen, eine Aufbruchstimmung zu erzeugen. Die wichtigste Entscheidung war ganz sicher das Investitionsprogramm in Höhe von 300 Millionen Euro zur Schulsanierung. Wir sind als Stadt Würzburg aber auch zunehmend ein Bildungspartner für die Schulen geworden, beispielsweise durch Projekte wie „Schulen ohne Rassismus“. Durch die Überführung kommunaler Schulen in andere Trägerschaften wird die Stadt dauerhaft von Millionenbeträgen entlastet. Ich nenne hier das Mozart-Schönborn Gymnasium, das sich jetzt in evangelischer Trägerschaft befindet, oder die Überführung der FOS/BOS in staatliche Trägerschaft.
Außerdem konnte die Zusammenarbeit im kulturellen Sektor erweitert werden. Schüler haben Projekte für den „Jungen Hafensommer“ erarbeitet, die auch zu einem kulturellen Erlebnis für Flüchtlinge wurden. Da geht ein Konzept auf. Ich meine, ich kann den Themenbereich Schule guten Gewissens in andere Hände übergeben.