Von den einen wird er als Lebensretter gefeiert, für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen und erhält eine Auszeichnung nach der anderen: Europa-Preis der bayerischen SPD, Preis der Österreichischen Liga für Menschenrechte, Lew-Kopelew-Preis, Ehrenpreis der Hilfsorganisation Human Projects. Von anderen wird er als "Menschenschlepper" beschuldigt, angefeindet und im Vorfeld seines Besuchs in Unterfranken sogar bedroht.
Claus-Peter Reisch, der umstrittene Seenotretter und Kapitän der Lifeline, der Hunderte geflüchtete Menschen im Mittelmeer vor dem Ertrinken gerettet hat und jetzt in Malta vor Gericht steht, kommt an diesem Mittwoch ans Gymnasium Veitshöchheim (Lkr. Würzburg).
Ein Sprecher der Polizei Würzburg-Land bestätigte, dass auch die Beamten ein Auge auf die Veranstaltung haben werden, da Reisch eine Nachricht mit strafrechtlich relevantem Inhalt zugeschickt bekam. Prominente Unterstützung bekommt der Skipper in Veitshöchheim von seinem Freund, dem Kabarettisten Urban Priol.
Frage: Drei Jahre lang ging die Zahl der Asylanträge in Deutschland und der EU deutlich zurück. Seit Anfang 2019 kommen wieder mehr Geflüchtete an. Heißt das, es gibt weniger Tote im Mittelmeer?
Claus-Peter Reisch: Nein. Laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM), einer weltweiten zwischenstaatlichen Organisation mit 173 Mitgliedsstaaten, darunter auch Deutschland, sind allein von Januar bis Juni 600 Tote im Mittelmeer registriert worden. Wenn man die Zahl der wenigen, die es nach Europa geschafft haben, der Zahl der Ertrunkenen gegenüber stellt, ist 2019 für Geflüchtete ein äußerst tödliches Jahr.
Sind diese Zahlen überhaupt verlässlich?
Reisch: Die Zahlen sind trügerisch, da nur Seeunfälle gezählt werden, bei denen Zeugen die Anzahl Ertrunkener bestätigen. Wenn ein Schlauchboot sang- und klanglos untergeht, sind in der Regel 120 Menschen sofort weg, die nie in irgendeiner Statistik auftauchen. Immer wieder finden tunesische Fischer Leichen in ihren Netzen. Doch nur, wenn jemand die Position einer Leiche im Wasser fotografisch dokumentiert und der Rettungsleitstelle in Rom meldet, springt der Zähler für die Toten um eine Person nach oben. Von vielen Bootsunglücken wissen wir nichts.
Wenn in Europa weniger Menschen ankommen, heißt das also nicht, dass nichts passiert?
Reisch: Ja. Sobald das Wasser warm wird und der Wind aus südlicher Richtung weht, werden Menschen von den Schleppern aus den libyschen Lagern auf´s Meer hinaus entsorgt. Ich sage bewusst "entsorgt", denn den Schleppern ist es egal, dass diese Schlauchboote für 250 Seemeilen bis nach Italien theoretisch 200 bis 300 Liter Treibstoff bräuchten. Da sie mit Menschen überfüllt sind, ist weder für genügend Sprit, noch für ausreichend Wasser oder Essen Platz. Sie kommen nirgendwo an.
Ist überhaupt noch ein Rettungsschiff zwischen Libyen und Lampedusa oder Malta unterwegs?
Reisch: Das Schiff der Hilfsorganisation "Sea-Watch" fährt mit 43 Geretteten vor Lampedusa auf und ab und darf nicht in einen italienischen Hafen einlaufen. Zwei Yachten von uns kreuzen in internationalen Gewässern vor der Küste Libyens. Unser Schiff, die "Lifeline", ist beschlagnahmt. Doch wir haben ein neues Schiff gekauft. Die Vorbereitungen für den nächsten Einsatz laufen.
Rechnen Sie nach all den Konflikten mit den Behörden noch mit deren Unterstützung?
Reisch: Es ist jetzt schon so, dass private Schiffe von den Rettungsleitstellen in Rom, in Malta oder von Frontex- oder Sophiaflugzeugen nicht mehr informiert werden, wenn sich in ihrer Nähe Menschen in Seenot befinden. Auch die libysche Küstenwache hat offenbar kein Interesse, die Menschen zurückzuholen. Bei Notrufen reagiert sie oft nicht. Eines unserer Suchflugzeuge kreiste einmal sechs Stunden über einem Schlauchboot, bis es aus Spritmangel abdrehen musste. Von Lampedusa aus hätte ein Schiff das Schlauchboot in drei Stunden erreichen können. Doch niemand kam.
In Malta sind Sie wegen falscher Registrierung der "Lifeline" zu einer Strafe von 10 000 Euro verurteilt worden. Das Schiff ist beschlagnahmt. Das Geld sollen sie an den Erzbischof für dessen Flüchtlingsarbeit bezahlen. Gegen das Urteil haben Sie Revision eingelegt...
Reisch: Es ist paradox. Wir haben den Erzbischof am Tag nach dem Urteil auf dem Friedhof getroffen, als er ein anonymes Grab für 24 Leichen gesegnet hat. Sie stammen aus einem Bootsunglück vor der maltesischen Küste, bei dem 700 bis 900 Menschen - genau weiß man das nicht - ums Leben gekommen sind. Der Erzbischof hat mich am Arm genommen und gesagt: "Kapitän, wenn du 10 000 Euro brauchst, damit du die Strafe bezahlen kannst, dann sag´ mir Bescheid."
Immer wieder kommt der Vorwurf: "Je mehr Seenotretter, desto mehr Schlauchboote auf dem Wasser." Was wäre Ihrer Meinung nach die Lösung, um das Sterben im Mittelmeer zu beenden?
Reisch: Da so gut wie kein Rettungsschiff mehr im Einsatz ist, immer wieder neue Tote und gekenterte Boote gefunden werden, ist das der Beweis dafür, dass die Zahl der Retter, die auf dem Mittelmeer unterwegs sind, nichts mit der Zahl der Menschen zu tun hat, die in die Boote gesetzt werden. Doch wenn die Menschen erst einmal in Libyen in den Lagern sind, ist es zu spät. Wir müssen endlich anfangen, Fluchtursachen zu bekämpfen. Ein Beispiel: Wenn in Europa mehr Milch erzeugt als verbraucht wird, der Rest in Form von Milchpulver nach Afrika verhökert, dort wieder zu Milch generiert und zu einem Preis auf den Markt geworfen wird, zu dem die afrikanischen Bauern nicht mithalten können, machen wir die Erwerbsquelle einer Familie kaputt. Aus dieser Familie wird sich irgendwann jemand auf den Weg nach Europa machen, denn es geht ums nackte Überleben.
Zu dem öffentlichen Diskussionsabend mit Claus-Peter Reisch lädt der Arbeitskreis "Schule ohne Rassismus/Schule mit Courage" am Mittwoch ins Gymnasium Veitshöchheim ein. Ab 19 Uhr wird der Kfz-Mechatroniker aus Landsberg am Lech, der seine eigene Firma verkauft hat und sich der Seenotrettung widmet, in Bilder und Videos von seinen Missionen auf dem Mittelmeer berichten.
Urban Priol: Ich kenne Claus-Peter Reisch persönlich, wertschätze sein Engagement zur Aufrechterhaltung der Prinzipien der christlichen Seefahrt und deren Regeln sehr, unterstütze selbst Schulen, die mit gesamtgesellschaftlichem Engagement ihren Beitrag zu einer lebendigen und bunten Demokratie leisten – von daher war es für mich keine Frage, nachdem ich von den Drohungen unterrichtet wurde, ein solidarisches Begrüßungswort zu sprechen. Glücklicherweise habe ich an diesem Abend ja frei.
Priol: Auch ein Kabarettist ist Teil einer – bei uns – überwiegend sehr wohlhabenden Zivilgesellschaft, deren Aufgabe es stets sein muss, die Nöte der Schwachen und Benachteiligten im Blick zu haben und die Stimme zu erheben, wenn rechte Dumpfbacken sich daran machen, durch Einschüchterung und Schüren von Ängsten ihre Fremdenfeindlichkeit auf dem Rücken der Schwächsten auszuleben.