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Giebelstadt
Erinnerungen an den Bombenangriff auf Giebelstadt am 22. März 1945
Die 93-jährige Charlotte Steglich sprach als erste über ihre Erinnerungen an die Bombennacht. Ludwig Lutz, Max Liebler  und Robert Popp hörten betroffen zu.
Foto: Uschi Merten | Die 93-jährige Charlotte Steglich sprach als erste über ihre Erinnerungen an die Bombennacht. Ludwig Lutz, Max Liebler  und Robert Popp hörten betroffen zu.
Uschi Merten
 |  aktualisiert: 30.03.2025 03:29 Uhr

Die vier älteren Personen, die vor dem zahlreichen Publikum saßen, waren aufgeregt und in sich gekehrt, bedrückt. Man merkte ihnen an, wie schwierig es war, in ihre Erinnerungen abzutauchen und darüber zu sprechen.

Bürgermeister Krämer begrüßte die Gäste in der Bücherei und stellte die Frage: "Warum hat man nicht schon früher über den Bombenangriff berichtet, der jetzt 80 Jahre her ist?" Und er meinte, dass durch den Ukrainekrieg die Menschen im Moment sehr betroffen von der Situation sind und darüber nachdenken und sich auch erinnern wollen.

Der Anstoß zur Aufarbeitung 80 Jahre Kriegsende in Giebelstadt kam von Gemeinderatsmitglied Helmut Mantel. Zusammen mit Nicole Schmidt, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der Gemeinde Giebelstadt, wurden neben Gedenkveranstaltung und Ausstellung auch das Zeitzeugengespräch initiiert.

Charlotte Steglich (93 Jahre) war die erste Erzählerin. "Wahrscheinlich haben ja alle meinen Bericht in der Main-Post gelesen",  sagte sie.  Sie erzählte in Kurzfassung, wie sie sich beim Angriff mit ihrer Mutter und ihrem jüngeren Bruder im Keller versteckt hatte und über die Trümmer herausklettern musste. Ihre geliebte Zither, auf der sie so gerne gespielt hatte, war zerstört worden. Bei Freunden fand die Familie Unterkunft, wo sie auf dem Fußboden geschlafen haben, bis sie eine Wohnung von der Gemeinde erhielten. In Erinnerung blieb Charlotte Steglich vor allem ihre große Angst vor Fliegern und Lärm.

Ludwig Lutz, 92 Jahre alt, berichtet von dem Moment, als die Amerikaner nach Giebelstadt kamen. Im Oberdorf gab es vier Keller, die bewacht wurden. Er war für den Vorratskeller eingeteilt. "Als es Alarm gab, waren wir so gegen vier oder fünf Uhr dort gesessen und dann kam ein Amerikaner herein. Den ersten den ich gesehen habe. Sie haben Soldaten gesucht und es war auch einer dabei. Der wurde mitgenommen und zu den anderen Soldaten in die Scheune gesperrt."

Besonders emotional und ausführlich berichtete Max Liebler, 87 Jahre alt, der damals sieben Jahre alt war. Er hatte sich Aufzeichnungen gemacht und erzählte von den Fliegeralarmen, die immer öfter kamen und wie sie dann in den Keller mussten. "Bei einem Angriff fiel eine Sprengbombe in unseren Garten. Ein Stück Gartenmauer war eingestürzt, viele Fensterscheiben und Dachziegel an Haus und Scheune gingen zu Bruch", erinnert er sich. Unter Tränen erzählt er von den deutschen Soldaten, die kurz vor Ende des Krieges tagelang Richtung Herchsheim liefen, völlig erschöpft, in zerrissener Kleidung und ausgehungert. "Wir Kinder gaben ihnen aus Mitleid unsere Ostereier", sagt er mit Tränen in den Augen.

Beim Einzug der Amerikaner, seiner Erinnerung nach war es am Vormittag des Ostersonntags, war er im Keller. "Stundenlang donnerten Panzer, Geschütze, Lastwagen mit Munition, Benzin und Soldaten von Herchsheim her nach Giebelstadt", so Max Liebler.

Mit fundiertem Wissen über die 20 Angriffe, davon vier große, wartete Robert Popp (75) auf. Er unterstützt das Gemeindearchiv ehrenamtlich und trug jahrelang Daten, Fakten, Informationen und Fotos rund um den Flugplatz zusammen und hat das Buch "Giebelstadt und sein Flugplatz 1928 – 1945" herausgegeben. Robert Popp kennt jeden Winkel in Giebelstadt und konnte die Straßen und die Häuser der Familien benennen, die damals getroffen und zerstört wurden. In seinem Buch beschreibt er jedoch nicht nur die militärischen Ereignisse des Fliegerhorsts Giebelstadt. Es geht auch um die Auswirkungen auf die Bauern und die damaligen finanziellen Probleme der Marktgemeinde.

Der frühere Schulleiter von Giebelstadt, Heinz Gassner, hat bereits 1987 eine Dokumentation für die Schule erstellt, die sich heute im Archiv befindet. Schon damals hat er mit Zeitzeugen gesprochen. Am Kriegsende war der Volkssturm in Giebelstadt und sollte den Ort verteidigen. Es wurde eine Sprengsperre aufgebaut, um die Panzer zu stoppen. Doch mutige Bürger haben diese entfernt. Der damalige Bürgermeister Otto Scheer schwenkte zusammen mit Pfarrer Karl Zeilinger eine weiße Fahne, als die Amerikaner einzogen. Somit wurden blutige Kämpfe verhindert.

Die Zuhörer waren sehr interessiert, teilweise auch betroffen. Die jüngste Person war der 12-jährige Jakob Schneider aus Sulzdorf, der sehr intensiv zuhörte und versuchte, alles zu verarbeiten. Interessant war die Interaktion der Anwesenden mit den Zeitzeugen. So wurde beispielsweise gefragt, ob das Haus des Großvaters damals komplett zerstört wurde. Oder ein Mann erinnerte sich, dass unter den neun getöteten Personen ein Kind im Kindergartenalter war, was die Menschen regelrecht erschütterte.

Noch lange nach der Veranstaltung standen die Anwesenden zusammen und tauschten Erinnerungen über verstorbene Familienmitglieder oder Häuser aus. Vom 6. bis 13. April ist im Familienzentrum "Zacherle" in Giebelstadt die Ausstellung "Kriegsende in Giebelstadt 1945" von Robert Popp zu sehen. Die Eröffnung ist am Sonntag, 6. April, von  14 bis 17 Uhr. Weitere Öffnungszeiten sind: Mi. (9. April) und So. (13. April) jeweils auch von 14 bis 17 Uhr. Daneben findet am Sonntag, 6. April eine Gedenkveranstaltung an der Linde in der Unteren Kirchgasse statt. Neben einem Gottesdienst gibt es weitere Zeitzeugenberichte, Beginn ist um 19 Uhr.

Die Begrüßung übernahm Bürgermeister Helmut Krämer. Helmut Mantel (links außen) hatte die Gespräche initiiert und nahm die Veranstaltung auf.
Foto: Uschi Merten | Die Begrüßung übernahm Bürgermeister Helmut Krämer. Helmut Mantel (links außen) hatte die Gespräche initiiert und nahm die Veranstaltung auf.
 
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