
Gehen Feuerwehren und Katastrophenschutz gestärkt aus den verheerenden Starkregen-Ereignissen des vergangenes Jahres in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz hervor? Welchen Lehren können daraus gezogen werden? Mit diesen zentralen Fragen beschäftigten sich von Montag bis Mittwoch dieser Woche rund 600 Fachleute von Hilfs- und Rettungsorganisationen, aus Wissenschaft und von Herstellern von Rettungstechnik während der Jahresfachtagung der Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes (vfdb) im Würzburger Congress Centrum. Angesichts der bis dato unvorstellbaren Schäden hofft vfdb-Vizepräsidentin Anja Hofmann-Böllinghaus, dass dieses Mal – im Gegensatz etwa zur Jahrhundertflut entlang der Elbe im Jahr 2002 – die in Würzburg vorgestellten Ergebnisse einer Expertenkommission zu den Einsätzen im Ahrtal "besser umgesetzt werden" - und bekannte Fehler sich nicht wiederholen.

Eine weitere Erkenntnis der Fachtagung: Drohnen- und Robotertechnik könnten Einsatzkräfte künftig nicht nur im Katastrophenfall, sondern bei sehr vielen Einsätzen weit mehr unterstützen als bisher. Anteil daran hat ein Forschungsprojekt der Universität Würzburg mit der Staatlichen Feuerwehrschule (SFS) Würzburg.


Haben die Erkenntnisse aus den Hochwasser-Einsätzen im Juli 2021 die Katastrophenschutz-Experten überrascht?
Nein. Und das ist an sich eine ernüchternde Erkenntnis, wie Ulrich Cimolino von der Feuerwehr Düsseldorf als Vorsitzender der Starkregen-Kommission während der Tagung schilderte. Denn die 15 Problempunkte, die er benannte, gleichen den Fehlern und Mängeln, die bereits vor Jahrzehnten nach ähnlichen, länderübergreifenden Naturkatastrophen festgestellt, seitdem aber nicht behoben wurden. Unter anderem fielen erneut Funksysteme aus, es fehlten geländegängige Fahrzeuge im Katastrophenschutz sowie schweres Räumgerät. Aber auch geeignete Schmutzwasserpumpen waren laut Cimolino in zu geringer Zahl vorhanden. Sein Vorschlag: Entsprechendes Material – wie auch Stromerzeuger und Lichtmasten – müssten in jedem Landkreise in zentralen Lagern bereitstehen. Und: Eingesetzte Hilfskontingente müssten im Katastrophengebiet angesichts der dort zerstörten Infrastruktur über mehrere Tage hinweg komplett autark sein. Das gilt vom mitgebrachten Gerät bis hin zur Verpflegung und Unterkunft.

Wie helfen Drohnen der Feuerwehr im Einsatz?
Die mit Kameras ausgerüsteten Fluggeräte liefern Live-Bilder von der Einsatzstelle – aus der Vogelperspektive. Dies erleichtert es der Einsatzleitung immens, sich einen Überblick über die Lage am Einsatzort zu verschaffen und kann laut Jürgen Schemmel von der SFS Würzburg "entscheidend für den Einsatzverlauf sein". Über Wärmebildkameras liefern die seit Jahren gebräuchlichen Feuerwehr-Drohnen auch Bilder, die Temperaturunterschiede zeigen. Die Infrarotgeräte sind so sensibel, dass sie zur Suche von Vermissten eingesetzt werden können, auch bei völliger Dunkelheit.

Brachte die in Würzburg vorgestellte Drohnen-Technik also nur Altbekanntes zur Sprache?
Auf keinen Fall. Der Würzburger Informatik-Professor Andreas Nüchter präsentierte Ergebnisse des Forschungsprojekts "Eins3D". Im Kern geht es dabei darum, dass eine mit einem speziellen Laserscanner ausgestattete Drohne Daten liefert, die über ein Computerprogramm in ein hochgenaues 3D-Modell beispielsweise von einem brennenden Gebäude einfließen. Die Daten werden am Einsatzort per Funk in einen Leitwagen übertragen und erzeugen dort am Rechner das 3D-Modell – in Echtzeit. Diese Technik ermöglicht es auch, dreidimensionale Modelle von Gebäuden zu erstellen, die man am Bildschirm, wie in einem Ego-Shooter-Spiel, durchstreifen kann. Mit dessen Nutzen im Bereich des Denkmalschutzes beschäftigt sich derzeit ein weiteres Projekt ("Deals3D"). Für die Feuerwehr eröffnen solche virtuell begehbaren, bis auf den Millimeter maßstabsgetreuen Gebäudemodelle neue Möglichkeiten beim Erstellen von Einsatzplänen für besonders gefährdete Objekte, etwa Kliniken.

Könnten in Zukunft auch Roboter die Arbeit von Einsatzkräften übernehmen?
Dass Maschinen die Feuerwehrfrauen und -männer komplett ersetzen können, ist kaum vorstellbar. Doch in besonders gefährlichen, vielleicht einsturzgefährdeten Bereichen oder im Umgang mit chemischen, biologischen oder radiologischen bzw. nuklearen Gefahrstoffen können Roboter schon heute agieren. Dies zeigte in Würzburg Robert Grafe, Geschäftsführer des Deutschen Rettungsrobotik-Zentrums in Dortmund. Er hatte einen Bodenroboter namens "D2" mitgebracht, der Teil eines vom Bundesforschungsministerium unterstützten Forschungsprojekts mit der Dortmunder Feuerwehr ist. Der Roboter bewegt sich auf Ketten voran, kann beispielsweise Ventile schließen und – auch unterstützt von Drohnen – die Lage erkunden. Gesammelte Daten überträgt "D2" in einen Leitwagen vor Ort zur Auswertung. Noch wird der Roboter, der schon in Ernstfällen eingesetzt wurde, von Menschen ferngesteuert. Ziel ist es laut Grafe allerdings, die Maschine so weit zu entwickeln, dass sie sich autonom fortbewegt und selbst entscheidet, wie sie vorgeht.