
Die Späne flogen, als eine nachgebaute römische Axt mit wuchtigen Schlägen in eine Eiche getrieben wurde. Wenige Meter entfernt kam ein Kupferbeil zu Einsatz – mit einer ganz anderen Technik. Waldarbeiter waren hier nicht am Werk, aber Archäologen.
Zum elften Mal fanden im Ergersheimer Wald archäologische Experimente statt. Bei den "Ergersheimer Experimenten", die es seit 2011 gibt, beschäftigen sich die Wissenschaftler verschiedener Universitäten und Einrichtungen sowie Studierende mit Baumfäll- und vor allem Holzbearbeitungstechniken mit rekonstruierten neolithischen Werkzeugen. Man möchte dem früheren Arbeiten möglichst nahekommen.
Rengert Elburg ist einer von ihnen, der wissen will, wie die Leute früher alles so hinbekommen haben, wie es die Archäologen gefunden haben. Zum Beispiel bei einem über 7000 Jahre alten Brunnen, der bei Ostrov entdeckt worden war. Wie sind die Schlitzpfosten dazu entstanden? Was bedeuten die Kerben? Fragen, auf die die Versuche Antwort geben sollen. Intensiv mit dem Brunnen beschäftigt sich vor allem Bernhard Muigg.

Die Wissenschaftler arbeiten unter anderem mit Dechseln, eine Art Beil. Mit Klingen aus Aktinolith-Hornblende-Schiefer. Das Originalmaterial, das auch in der Jungsteinzeit vor etwa 7000 bis 7500 Jahren verwendet worden ist, stammt von einem Vorkommen südlich des Riesengebirges in Nordostböhmen.
Da gibt es eine Klinge in einer höheren Variante, die sich für das "Reinhauen" eignet, und eine flachere Variante, die mehr der Oberflächenbearbeitung dient. Das Problem bei der Sache ist, dass man laut Elburg die Holzschäftung nicht kennt, die seien ja nicht erhalten geblieben. Gefunden worden sei einmal eine Schäftung, da habe sich das Holz aber nur als Fasern erhalten. Das habe "komplett anders ausgeschaut als wir uns das gedacht haben". Diese Art der Schäftung habe sich als richtig gut erwiesen für die Oberflächenbearbeitung, zum Beispiel für Bretter.
Auch die Winkel der Dechseln sind entscheidend. Einige Grad Abweichen machten ein ganz anderes Gerät, berichtet Elburg. Das habe man beim Baumfällen erkannt.

Beim gefundenen Brunnen sind sie unteren Pfostenenden angespitzt. Diese Spitzen will man jetzt nachempfinden und prüfen, ob sie eine Bedeutung hatten. Zudem laufen umlaufende Kerben über die Nut drüber. Die könnte für das Ziehen oder Rücken der Stämme notwendig gewesen sein. Bislang nur eine Vermutung, meint Muigg. Die dritte große Frage sei die Nut beziehungsweise, mit welchen Werkzeugen sie geschaffen wurde.
Gemerkt haben die Archäologen, dass die Dechseln, bei der die Klingen hinten gegen Holzgedrückt werden, so eigentlich nicht funktioniert. Besser gehe es, wenn die Klinge nur auf das Holz gebunden wird. Kaum gesagt, splitterte bei einer Dechsel der Klingenhalt ab.

Die Wissenschaftler nehmen es mit Humor. "Wir sind hier, um Sachen kaputt zu machen", sagt Elburg und lacht. Erst wenn es kaputt sei, dann wisse man: "So nicht." Diese Möglichkeit könne man dann ausschließen, so enge man die Sache weiter ein. Anfängerfehler könne man wegen der gewonnenen Erfahrung mittlerweile ausschließen. So habe im ersten Jahr das Fällen eines Baumes noch drei Tage gedauert, viele Geräte seien dabei kaputt gegangen. "Die Hälfte der Zeit sei mit Neuwickeln draufgegangen", ergänzt Kreisheimatpfleger Martin Nadler.
Jetzt dauere das Fällen netto eine Stunde, erläuterte Elburg. Netto, weil der Arbeitsfortschritt regelmäßig mit der Kamera dokumentiert wird. Allerdings, so hieß es, sei ein geübter Steinzeitler, der die Muskelleistung tagtäglich aufbringen muss, wohl effektiver arbeite.
Bei den Experimenten geht an diesem Wochenende einiges zu Bruch. So splittert ein Teil einer flachen Klinge bei der Bearbeitung ab. Ein Astloch war härter. "Ein schöner Bruch", kommentiert Nadler die Sache. Für Jan Scheide heißt das, den Hang hinunter zum Akkuschleifer und die Klinge wieder reparieren.

Scheide hat auch nachgebaute Werkzeuge aus Jadeit dabei. Das Material hat er aus einem alpinen Vorkommen. Auch die will er ausprobieren. "Die Teile schneiden sehr, sehr schön", betont er, wobei Jadeit auch kulturelle Aspekte besitze. So hat er auch in mühsamer Arbeit einen Armreif geschaffen.
Rüdiger Schwarz von der Saalburg ist mittlerweile mit der römischen Axt geübt. In Bild und Film hält er alles akribisch fest. Denn es sollen auch Filme fürs Museum entstehen.

Nebenan sind Michael Müller und Thomas Bartz mit Kupfer-Beilen am Werk. Der eine längt ab, der andere schlägt Span für Span ab, weil Kupfer nun mal deutlich weicher ist als das Eisen der römischen Axt.
Die Archäologen fühlen sich im Ergersheimer Mittelwald sehr wohl. Ihr Dank gilt der Gemeinde Ergersheim, die Gelände und Bäume zur Verfügung stellt. Bürgermeister Dieter Springmann schaute dann auch den Wissenschaftlern einmal über die Schulter.




