Auf den ersten Blick könnte man sagen: Er war ein wilder Hund, dieser Wilhelm Wehner. 1916 verweigerte Wehner als erster Kriegsdienstverweigerer in Schweinfurt den Dienst an der Waffe und rief hier 1919 die Räterepublik aus. Schon um 1906 hatte sich der junge Arbeiter bei der Gruppe um die Zeitung „Revolutionär“ in Berlin politisiert. Vor Gericht wurde er angeklagt wegen „Erpressung“ des Unternehmers Ernst Sachs. Jedoch überraschend freigesprochen. Doch waren dies nicht nur vorübergehende Jugendwildheiten.
Dieses und mehr ist in dem von der Initiative gegen das Vergessen herausgegebenen Buch mit dem Titel „Wilhelm Wehner – Anarchist, Syndikalist, Antimilitarist, Freigeist und Naturfreund“, das Norbert Lenhard geschrieben hat, zu lesen. Es wird am Dienstag, 8. April, um 19.30 Uhr in der Disharmonie vorgestellt. In dem Buch werden verschiedene Episoden aus dem Leben des Syndikalisten, Naturfreunds und Freigeists lebendig.
Aufarbeitung der Geschichte der Arbeiterbewegung in Schweinfurt
Norbert Lenhard widmet sich in Schweinfurt der Erforschung der lokalen Arbeiter- und Arbeiterinnenbewegung und präsentiert seine Ergebnisse in Stadtführungen. Er gehört der Initiative gegen das Vergessen an, die, neben anderen Schwerpunkten, an der Aufarbeitung der Geschichte der Arbeiterbewegung in Schweinfurt mitarbeitet.
Norbert Lehnhard gelingt es, das politische Leben des Schweinfurter Werkzeugschleifers Wilhelm Wehner (1885–1968) in wichtigen Etappen nachzuzeichnen und aus verschiedenen Archiven einen umfangreichen Quellenschatz auszuwerten. Mehrere hundert Fotos finden sich im Nachlass von Norbert Wehner.
Die Gedankenwelt des freiheitlichen Sozialismus bildet mit ausgewählten Texten den politischen Rahmen des Buches. Unter anderem mit Beiträgen von Gisela Notz, Sozialwissenschaftlerin aus Berlin und Helge Döhring, Historiker aus Bremen. Gisela Notz wohnte bis 1966 in der Gartenstadt in Schweinfurt. Bis 2007 arbeitete sie als wissenschaftliche Referentin im Historischen Zentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung. Jetzt freiberuflich in Berlin, gibt sie den Wandkalender „Wegbereiterinnen“ heraus. Buchveröffentlichungen: u. a. „Kritik des Familismus“, „Theorien alternativen Wirtschaftens“, „Genossenschaften“.
Der umtriebige Arbeiter Wilhelm Wehner gründete in Schweinfurt eine Ortsgruppe der „Freien Arbeiter-Union Deutschlands“, lud die international tätige Anarchistin Emma Goldman ein und pflegte nach 1945 einen umfangreichen Briefverkehr mit dem anarcho-syndikalistischen Autor Rudolf Rocker, der in den USA lebte.
Für die Idee des freiheitlichen Sozialismus streiten
Er war der erste Kriegsdienstverweigerer in Schweinfurt, rief hier 1919 die Räterepublik aus, zudem angeklagt und freigesprochen wegen „Erpressung“ des Unternehmers Ernst Sachs. Wilhelm Wehner stritt mit Gustav Landauer für die Idee des freiheitlichen Sozialismus, lud Emma Goldman nach Schweinfurt ein und pflegte einen umfangreichen Briefverkehr mit dem anarchistischen Autor Rudolf Rocker in den USA. Bei seiner Beisetzung 1968 gaben ihm unter der Aufsicht der Polizei mehrere hundert Weggefährten und Weggefährtinnen das letzte Geleit.
Die Veranstaltung wird von der Oskar-Soldmann-Stiftung unterstützt. Der Eintritt ist frei. Die Initiative gegen das Vergessen freut sich über Spenden.
Das Buch „Wilhelm Wehner – Anarchist, Syndikalist, Antimilitarist, Freigeist und Naturfreund“ mit zahlreichen Abbildungen und bisher nicht veröffentlichten Fotos
aus dem Nachlass Wilhelm Wehners wird herausgegeben von der Initiative gegen das Vergessen in Schweinfurt, 144 Seiten, Kosten: 16 Euro, ISBN 978-3-911812-01-6.