
Sich ein „Bild von der Sache machen“ – diese Redewendung beschreibt eine Erfassung der Wirklichkeit, also einer real vorgefundenen Situation. Dabei geht es zugleich um die Erledigung eines die Erfassung begleitenden Auftrags, anhand der Visualisierung zugleich eine Aussage treffen zu können, etwa, wenn das Bild vom „wahren“ Zustand eines Gebäudes künden soll. Was einst im 20. Jahrhundert die Polaroid-Kamera leistete und was heute eine digitale Aufnahme in kurzer Zeit liefert, war zuvor eine der Aufgaben, welche Zeichnungen zu erfüllen hatten.
Dabei gilt es, Missverständnisse hinsichtlich der unterschiedlichen Funktionen der Zeichnung zu vermeiden, die scheinbar von den Gegenpolen Realität einerseits und Ideal oder Phantasie andererseits als miteinander konkurrierenden Aufgabenfeldern bei der Erstellung eines Bildes zu vermitteln hatte: Es ist richtig, dass zur Ausbildung an den Ritterakademien seit dem 17. Jahrhundert ein am realen Bauwesen aber auch an einer schnellen Verwirklichung orientierter Zeichenunterricht gehörte (Kavaliersperspektive).
Auch ließ Johann Daniel Preissler als Direktor der ersten deutschen Kunstakademie, die 1662 für Maler, Bildhauer und Architekten in Nürnberg gegründet worden war, ihr im Jahr 1716 propädeutisch eine Zeichenschule für die Zielgruppe „armer Leute Kinder“ vorschalten. Dort sollten nicht nur künftige Künstler, sondern auch Handwerker ausgebildet werden und die bereits bestehenden familiären Betriebe davon profitieren.
Wichtige Aufgabe der Zeichnung als Kunstwerk
Doch diese zielorientierte Ausbildung bedeutete nicht, dass die Erfassung der Wirklichkeit alleiniges oder gar oberstes Ziel der Ausbildung war. Denn das von Hand gezeichnete „Bild“ in seinen Phasen von der Detailstudie über die Vorskizze bis zum Gesamtentwurf, wie sie die Sammlung Georg Schäfer bestens dokumentiert, diente nicht nur der Veranschaulichung eines Objekts „nach der Natur gezeichnet“ oder einer lebenden Person, lateinisch „ad vivum delineavit“ – so notwendig die Skizzen etwa einer Festung, eines Ochsenkummets oder die Bildniszeichnung als Resultat einer ersten Porträtsitzung auch sein mochten.
Vielmehr lehrten die Kunstakademien, die von den meisten in den beiden Jubiläumsausstellungen mit Werken vorgestellten Künstlern besucht wurden (Künstlerinnen wurde nach einer Öffnungsphase zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Besuch lange verwehrt), dass der Zeichnung als Kunstwerk eine weitaus wichtigere Aufgabe als die einer bloßen Naturnachahmung zukommt.
Zeichnungen sollten nämlich, so Giorgio Vasari im 16. Jahrhundert über das „Disegno“, primär der Gestaltwerdung einer Idee ihres Schöpfers dienen und dabei dessen höchste künstlerische Schaffenskraft manifestieren. Das Individuelle der Handschrift, sowie der geistige Gehalt der Aussage, hatten Vorrang vor jeder Form bloßer Realitätserfassung. Viele akademische Diskussionen schlossen sich diesem Schöpfungsgedanken an, der zudem eine starke Aufwertung der Zeichnung enthielt.
Er half, den „Paragone“ genannten Vorrangs-Streit zwischen Architektur, Bildhauerei und Malerei (das Kunsthandwerk hatte als dem Gebrauch dienend bis zum Ende des 19. Jahrhunderts nicht denselben Stellenwert) mit zu entscheiden: Für die Schiedsrichter stand dabei erneut die Zeichnung im Fokus, denn sie illustrierte ja die eigentliche Idee, war folglich die Grundlage aller Künste.
Diese Einschätzung galt auch im 17. Jahrhundert an der französischen Staatsakademie, als dort von den Klassizisten der Vorzug der (monochrom ausgeführten) Vor- und Unterzeichnung eines Bildes gerühmt wurde, weil in ihren Augen die Farbe im Sinne einer Kolorierung nur als späteres Beiwerk galt, Michelangelo, Tizian und Poussin folglich den Rubens als Künstler weit übertroffen hätten. Ohne diese akademischen Vorstellungen in Relation zur Entstehung vieler historischer Zeichnungssammlungen in Europa bringen zu können, seien sie zumindest der Betrachtung der Sammlung Georg Schäfer vorangestellt. Bei der fällt die große Anzahl farbiger Aquarelle sofort ins Auge.
Weder die Aufgabe einer gehaltvollen monochromen Vorzeichnung, noch die einer Erfassung der Wirklichkeit reichen also als vermeintliche Türöffnerinnen zu einem Bildmedium in jenem Jahrhundert aus, in welchem bekanntlich 1839 die Fotografie auf den Markt kam – und würden der Dichte des Schweinfurter Museumsbestands auch nicht gerecht werden.
Bilder von Szenen aus der Mythologie, der Historie oder mit religiöser Thematik arbeiteten nicht mit Naturnachahmung, bei Porträts und Landschaften wurden störende Details kaschiert, anderes idealisiert und selbst eine Vedute als scheinbar präzise Ortsansicht musste durch eine im Atelier frei hinzugefügte Wetterstimmung Einbußen an ihrem Wahrheitsgehalt hinnehmen.
Widersprüchliche Strömungen und Kunstkonzepte
Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts wird heute angesichts der historischen Bedeutung des aus Frankreich herüberschallenden Künstlerrufs nach „l‘art pour l´art“ allzu oft hinterfragt nach sozialkritischen Inhalten und frühdemokratischen Aussagen. Dieses Jahrhundert ist im Museum Georg Schäfer ein aufgrund des Wirkens deutscher Impressionisten ein bis in das Jahr 1930 verlängertes, so genanntes langes Kunstjahrhundert (eigentlich 1789-1914).
Der Zeitraum weist viele gleichzeitige, oft widersprüchliche Strömungen und Kunstkonzepte auf wie in kaum einer anderen Kunstepoche zuvor. Darüber hinaus wurde er auch zu einer Art melting point aller Spielarten und Funktionen, welche die Zeichnung vor dem digitalen Zeitalter eingenommen hat.
Das Spektrum der Zeichnungen in seiner ganzen thematischen wie auch stilgeschichtlichen Bandbreite zum Ausdruck zu bringen, war hehres Ziel der für den ersten Bestandskatalog zu den Zeichnungen sowie für die beiden Ausstellungen ab 2017 getroffenen Auswahl aus gut 4600 Zeichnungen der graphischen Sammlung des Museums.
Sie umfasst Einzelblätter, zu denen 185 Skizzenbücher und rund 320 Druckgrafiken, sowie illustrierte Bücher und einige Künstlerfotografien hinzutreten. Eine neue Aufmerksamkeit erfahren dabei die Vedutisten, die Buch- und Zeitschriftenillustratoren und die Künstlerinnen und Künstler der naturwissenschaftlichen Malerei.
Eine solch große Aufgabe für das Jubiläumsjahr 2025 konnte nicht von einem kleinen Museumsteam allein gelöst werden. Karin Rhein hatte bereits mehrere Jahre während ihrer Tätigkeit in Schweinfurt daran gearbeitet, Ulf Dingerdissen übernahm 2023 die Redaktion für den Katalog und verfasste wie auch Patrick Melber, Johanna Weymann und Kurator Wolf Eiermann eine Reihe von Beiträgen.
Der in mehreren Netzwerken gestartete Aufruf zur wissenschaftlichen Mitarbeit war von Erfolg gekrönt, zum Museumsteam gesellten sich mehr als 30 externe Expertinnen und Experten als Autoren im Katalog. Dieser bietet neben den Online-Besucherkonsolen im Museum als Printmedium den einzigen Zugang zu einer Kunst, die sonst im Tresor, genannt Museumsdepot, verborgen bleibt. Schätze scheuen das Licht. Doch nun werden sie gezeigt.