Parallel zum abstrakten Expressionismus in den USA entwickelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg das Informel als prägende Kunstrichtung in Europa. Die Kunsthalle widmet dieser abstrakten Bewegung nun eine Ausstellung, die eine neue Perspektive eröffnet: Zum ersten Mal steht die informell-abstrakte Kunst aus weiblicher Sicht im Mittelpunkt. Mit der Schau „InformELLE – Künstlerinnen der 1950/1960er-Jahre“ wird erstmals der bedeutende Beitrag von 16 Künstlerinnen zur Kunst des Informel sichtbar gemacht und gewürdigt. Die Ausstellung verfolgt das Ziel, diese Künstlerinnen dauerhaft im kunsthistorischen Kanon zu verankern. Sie zeigt Werke von Malerinnen und Bildhauerinnen wie Maria Helena Vieira da Silva, Maria Lassnig, Judit Reigl und Mary Bauermeister – einige von ihnen weltweit anerkannt, andere im deutschsprachigen Raum bisher kaum beachtet. Ein besonderes Augenmerk liegt auf kunstsoziologischen Fragen zu Netzwerken, Ausstellungsbeteiligungen und zur Rezeption dieser Künstlerinnen.
Die Ausstellung ist ein Kooperationsprojekt von Hessen Kassel Heritage, der Kunsthalle Schweinfurt und dem Emil Schumacher Museum Hagen, in Zusammenarbeit mit der Forschungsstelle Informelle Kunst der Universität Bonn. Sie wird von der Ernst von Siemens Kunststiftung unterstützt. Begleitet wird sie von einem umfangreichen, zweisprachigen Katalog, der im Deutschen Kunstverlag erschienen ist.
Ein vielseitiges Begleitprogramm
Neben der Ausstellung erwartet die Besuchenden ein umfangreiches Rahmenprogramm. Eine exklusive Führung am Donnerstag, 10. April, um 19 Uhr mit den Kuratoren Ulrich Etscheit und Roland Knieg lädt dazu ein, die Werke aus nächster Nähe zu betrachten und dabei tief in die Kunstgeschichte einzutauchen. Im Anschluss bietet eine erlesene Weinprobe mit der Bamberger Weinspezialistin Marlis Bohnengel Gelegenheit, sich in entspannter Atmosphäre über die Kunstwerke und ihre Eindrücke auszutauschen.
Weitere Einblicke in die Ausstellung erhalten Interessierte in einer Kuratorenführung am Samstag, 12. April, um 11 Uhr mit Maria Schabel, die die Künstlerinnen und ihre Werke in einen kunsthistorischen Kontext setzt. Dabei werden auch strukturelle Herausforderungen für Künstlerinnen im männlich dominierten Kunstbetrieb der Nachkriegszeit beleuchtet.
Die Relevanz der Schau
Ausstellungen, die ausschließlich Künstlerinnen gewidmet sind, finden weltweit immer häufiger statt – ein Zeichen für die notwendige Korrektur des kunsthistorischen Kanons. Auch museale Sammlungspräsentationen und kunsthistorische Darstellungen werden zunehmend inklusiver, um weibliche, nicht-westliche und dekoloniale Perspektiven stärker zu berücksichtigen. Die Kunstgeschichte soll damit vielstimmiger erzählt werden, um der jahrhundertelangen strukturellen Ausgrenzung weiblicher Künstlerinnen entgegenzuwirken.
In diesem Kontext rückt die Kunsthalle Künstlerinnen in den Fokus, die sich gegen strukturelle Widerstände behaupten mussten und dabei bedeutende Beiträge zur Kunst des Informel geleistet haben. Viele von ihnen waren in renommierten Künstlergruppen wie ZEN 49 aktiv oder an bedeutenden Ausstellungen wie der documenta und der Biennale in Venedig beteiligt. Dennoch sind ihre Werke heute im deutschsprachigen Raum kaum präsent. Die Ausstellung bietet die Gelegenheit, diese beeindruckenden Künstlerinnen und ihre einzigartigen Handschriften wiederzuentdecken.
„InformELLE – Künstlerinnen der 1950/1960er-Jahre“ ist noch bis Sonntag, 22. Juni, in der Kunsthalle zu sehen. Der begleitende Katalog ist im Museumsshop erhältlich und bietet vertiefende Einblicke in die Werke und Biografien der Künstlerinnen.
Öffnungszeiten: Di.-So., 10-17 Uhr, Do., 10-21 Uhr, Mo. geschlossen, jeder erste Donnerstag im Monat freier Eintritt