Weinbau war schon früh eine internationale Angelegenheit. Als die Wikinger in Nordamerika landeten, lange vor Kolumbus, nannten sie ihre Entdeckung "Vinland", "Weinland". So ganz klar ist nicht, woher die Isländer Weinbeeren gekannt haben könnten. An Bord befand sich ein gewisser "Tyrkir", der mal als Türke, Ungar oder Süddeutscher gedeutet wird und den Namen erfunden haben soll. Ob er vielleicht sogar aus Mainfranken kam oder in der Neuen Welt vielleicht doch nur Johannisbeeren erspäht hat, bleibt ungeklärt.
Bis zu kalifornischen Spitzenjahrgängen dauerte es dann noch eine ganze Weile. Der erfahrene Winzer Bruno Sauer aus Astheim durfte sich jedenfalls über ein junges, internationales Publikum freuen, bei der ersten Weinlese an der "International School Mainfranken" in der Kalifornienstraße am Kessler Field, vormals "Yorktown Village".
ISM-Schulleiter Michael Gündert, der aus der Weinhochburg Sommerach stammt und in Texas studiert hat, begrüßte die Dritt- und Achtklässler in der Unterrichtssprache Englisch, neben dem Schulweinberg. Dessen Reben wurden im letzten Jahr gepflanzt, mit immerhin 25 Sorten, aufgereiht am Sportplatzzaun. Nun konnte erstmals geerntet werden. Zumindest das, was die Vögel und die Kinder von den Früchten übriggelassen haben.
Auch Fußbälle sollen eine stete Bedrohung für den "2021er-Kessler Field" gewesen sein. Egal, es geht ums önologische Prinzip. Bruno Sauer ist ein echter Experte und hat den Kids einige Weintrauben mitgebracht, vom Müller-Thurgau bis zum Silvaner. Immerhin 140 Kinder zählt die International School schon, wo oft Kinder lernen, deren Eltern weltweit im Auftrag von Firmen unterwegs sind, aus Fernost ebenso wie Indien, Großbritannien oder den USA. Aber auch deutsche Eltern schätzen das ganz besondere Flair der mehrsprachigen Privatschule, wo die Kinder früh lernen, mal über den heimischen Tellerrand zu schauen.
Mini-Kelter und Schnellkurs in Winzerkunde
Oder über den Rand einer fränkischen Weinpresse. Sauer hat eine mobile Mini-Kelter dabei, aber vorher gibt es einen Schnellkurs in Winzerkunde. Die Beeren an seiner Rebe sind "nachgetrieben", sprich das, was die Vögel nach der diesjährigen Ernte übriggelassen haben: "Die haben nicht das richtige Mostgewicht." Das wird mit dem Refraktometer bestimmt, eine Art Minifernrohr, mit dem man per Lichtbrechung die "Grad Oechsle" bestimmt, die Gramm Zucker, die der Traubenmost mehr wiegt als die gleiche Menge schnödes Wasser. Mal sind es 78, mal 85 Grad Oechsle, die auf der Skala erscheinen.
Wirklich geschöppelt werden darf hinter dem Schulhaus natürlich nicht. Am Ende wird nur "juice" verkostet, roter Traubensaft der farbintensiven Sorte Regent. Zuvor müssen die künftigen Oechsle aber erstmal ins Böxle, also in Wannen von den Schülern vorgestampft werden. Dann landet das Ergebnis in der Presse und wird mittels Drehstange gekeltert. Die Schweinfurter Sommeliers unterhalten sich bei der Saftverkostung ganz selbstverständlich auf Englisch und das völlig zu Recht. Schließlich stehen seit der großen Reblauskatastrophe in den 1880ern fast sämtliche europäische Weinstöcke auf amerikanischen Wurzeln.