Gegen das Vergessen: Eine neue Tafel erinnert an das Schicksal der Familie Rothschild. Franz Ködel, Pierrot Michel und Wolfgang Sommer haben sie am ehemaligen Wohnhaus in Grünsfeld angebracht.
Franz Ködel hat sich intensiv mit der Geschichte der Grünsfelder Juden beschäftigt. Der Gemeinderat und ehemalige Realschullehrer ist dabei auch auf bislang unbekannte Fakten gestoßen. Seinen Recherchen zufolge wohnte die Familie Simon (auch: Siegfried) und Rosa Rothschild in dem Haus in der heutigen Abt-Wundert-Straße seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Das Ehepaar hatte acht Kinder. Simon Rothschild arbeitete als erfolgreicher Viehhändler solange, wie die Gesetze der Nationalsozialisten dies zuließen.
Simon Rothschild starb 1937 im Krankenhaus in Würzburg
Die zunehmenden Feindseligkeiten gegenüber den Juden veranlassten die Kinder der Familie nacheinander Deutschland zu verlassen. Simon Rothschild starb 1937 im Krankenhaus in Würzburg und wurde als letztes Mitglied der jüdischen Gemeinde von Grünsfeld im Friedhof von Allersheim beigesetzt.
Bald darauf wurde Rosa Rothschild gezwungen, das Haus zu verkaufen. „Allerdings ist das Geld niemals bei ihr beziehungsweise ihren Nachkommen angekommen“, hat Franz Ködel herausgefunden. Deshalb wurde das Anwesen nach dem Krieg wieder zurückübereignet, dann aber von den Erben verkauft. Vor rund 30 Jahren erwarb Familie Michel das ehemalige Anwesen der Familie Rothschild und sanierte es im Rahmen der Stadtsanierung vorbildlich.
Rosa Rothschild wurde, zusammen mit den anderen noch in Grünsfeld verbliebenen Juden, nach Gurs in Südfrankreich deportiert. Dort starb sie nach wenigen Monaten an den Folgen der menschenunwürdigen Unterbringung.
1940: Ein letzter Besuch der Mutter in Grünsfeld
Noch im Sommer 1940 besuchte ihr Sohn Emil seine Mutter in Grünsfeld. „Er gelangte im Laufe der Sommermonate unter dramatischen Umständen gerade noch illegal über Köln und Aachen nach Belgien und von dort zusammen mit seiner Frau nach Israel“, berichtet Franz Ködel. Emil kehrte in den 50er Jahren nach Deutschland zurück und baute sich in Aachen eine neue Existenz auf. Sein Sohn Ronny lebt heute noch in Aachen, während Emil Rothschilds zweiter Sohn in Israel lebt.
Ronny Rothschild besuchte im Laufe der Jahrzehnte immer wieder einmal die Heimatstadt seines Vaters und seiner Großeltern in Grünsfeld. Dabei traf er ehemalige Nachbarn, mit denen er angenehme Erinnerungen austauschte. Offiziell wurden die Nachfahren der Familie Rothschild erstmals im Jahr 2019 vom Bürgermeister Joachim Markert und Vertretern der Bürgerschaft im Rathaus empfangen. „Die teilnehmenden Gäste aus Aachen, München und New York sind noch heute für diese offene Begegnung sehr dankbar“, so Ködel. Vor allem auch, weil bei der Suche nach Lebensdaten der Vorfahren im Standesamt von Grünsfeld zuständige Sachbearbeiter und freiwillige Unterstützer sehr erfolgreich helfen konnten.
Neue Erinnerungstafel ist von der Straße aus gut einsehbar
Nunmehr hat auf Wunsch von Ronny Rothschild der jetzige Inhaber des ehemaligen Familienanwesens, Pierrot Michel, spontan und ohne Einwände die Erlaubnis erteilt, von der Straße aus gut einsehbar eine Erinnerungstafel zu befestigen. Diese Tafel wurde jetzt von Pierrot Michel im Beisein von Wolfgang Sommer und Franz Ködel angebracht.
Sanierung des Grabsteines von Simon Rothschild in Allersheim
Wolfgang Sommer ist derweil mit der Sanierung des Grabsteines von Simon Rothschild in Allersheim beschäftigt. Hier gilt es, den Grabstein von Moosen und Flechten zu befreien, ihn zu konservieren und somit der Verwitterung entgegenzuwirken. Außerdem muss noch die Schrift erneuert werden.
„Für den Herbst 2021 ist ein weiterer Besuch der Nachfahren von Simon Rothschild in Grünsfeld vorgesehen, nachdem ein solches Treffen wegen der Corona-Pandemie in diesem Jahr nicht stattfinden konnte“, erzählt Franz Ködel. Er geht davon aus, dass dann einige Familienmitglieder zum ersten Mal einander begegnen werden.
Bis dahin sollen, so Ködel, für die weiteren Opfer des Holocausts in Grünsfeld auch so genannte Stolpersteine und eine Gedenktafel vorbereitet werden. Er koordiniert die verschiedenen Unterstützer dieser Bemühungen um eine angemessene Erinnerungskultur und hält den Kontakt zu Ronny Rothschild und seinen Verwandten in New York und Israel.