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Wertheim
"Gedenk- und Erinnerungsort 1. April 1945" enthüllt: Acht mutige Männer verhinderten die Zerstörung Wertheims
Violonistin Magdalena Merklein spielte bei der Einweihung des Wertheimer Erinnerungsort Musik von Bach vor und die Anwesenden gedachten bei minutenlangem Läuten der Kirchenglocken der damaligen Ereignisse.
Foto: Ernst Dürr | Violonistin Magdalena Merklein spielte bei der Einweihung des Wertheimer Erinnerungsort Musik von Bach vor und die Anwesenden gedachten bei minutenlangem Läuten der Kirchenglocken der damaligen Ereignisse.
Ernst Dürr
Ernst Dürr
 |  aktualisiert: 03.04.2025 15:08 Uhr

Vor achtzig Jahren hissten am 1. April 1945 mutige Wertheimer Bürger weiße Fahnen und retteten so die Stadt vor der Zerstörung durch die heranrückende US-Army. Um die Erinnerung daran wachhalten, wurde unterhalb der Wertheimer Burg von der Stadt ein Gedenk- und Erinnerungsort eingeweiht. Die Texte auf drei Metallstelen wurden in einer Arbeitsgruppe mit wissenschaftlicher Begleitung von Vanessa Geiger erarbeitet. Die gestalterische Konzeption kommt vom Bestenheider Designer Heiko Hünnerkopf, der auch Elemente eines früheren Entwurfs des Wertheimer Künstlers Johannes Schwab verwendete.

Eine der Säulen am Hirschtor thematisiert die Zerstörung Nassigs am 30. und 31. März 1945. Nach Angriffen deutscher Soldaten auf US-Panzer beschoss die Army den Ort mit Artillerie und zerstörte große Teile. Fünf Dorfbewohner, zehn US-Soldaten und 34 Wehrmachtssoldaten starben.

Wertheims Oberbürgermeister Markus Herrera Torrez und Frank Kleinehagenbrock, Vorsitzender des Historischen Vereins, enthüllten die Stelen, zusammen mit Vertreterinnen und Vertretern des Gemeinderats, des Vereins 'Pro Wertheim' und der Arbeitsgemeinschaft.
Foto: Ernst Dürr | Wertheims Oberbürgermeister Markus Herrera Torrez und Frank Kleinehagenbrock, Vorsitzender des Historischen Vereins, enthüllten die Stelen, zusammen mit Vertreterinnen und Vertretern des Gemeinderats, des Vereins ...

Die zweite Säule geht auf den 1. April 1945 in Wertheim ein. An jenem Ostersonntag hatten amerikanische Truppen bereits auf dem Wartberg Stellung bezogen. Nur dem beherzten Handeln einiger engagierter Wertheimer ist es zu verdanken, dass die Stadt verschont blieb. Sie hielten es für sinnlos, Wertheim zu verteidigen und dadurch den Beschuss und die Zerstörung zu provozieren.

Auf der Stele namentlich genannt sind acht Personen: Anton Dinkel, Christoph Dinkel, Josef Hammerich, Heinrich Herz, Michael Kuch, Otto Paul, Georg Staubitz und Karl Seher. Obwohl ihnen die Todesstrafe drohte, drängten die Männer den Bürgermeister und den Ortspolizisten, weiße Fahnen aufzuhängen. Auf dem Bergfried und aus vielen Fenstern in der Stadt wurden schließlich weiße Tücher gehängt. Daraufhin wurde der Beschuss eingestellt und am Abend nahmen US-Truppen die Stadt kampflos ein. Eine dritte Säule zeigt den Weg Wertheims nach 1945 auf, der so nur möglich war, weil die Stadt unzerstört blieb.

Oberbürgermeister Markus Herrera Torrez erinnerte an die Geschichte. "Wir hatten Glück, dass Bürger Mut und Zivilcourage zeigten und durch ihr Handeln Tod, Zerstörung und Leid verhinderten. Dabei hätte das Kriegsende auch in der Zerstörung der Stadt enden können, wie das Beispiel Nassigs nur Tage zuvor zeige", so Herrera Torrez. Er sah als "einzig mögliche Lehre" aus den Ereignissen: "Nie wieder dürfen wir es zulassen, dass Rassismus, Hass gegen Fremde und die Gier nach Macht die Gesellschaft ins Verderben werfen."

Bereits 2005, 60 Jahre nach Kriegsende, war von der Stadt Wertheim diese Tafel im Burginnenhof angebracht worden, die an Anton Dinkel und Heinrich Herz erinnert, die beim Hissen der weißen Fahne auf der Burg maßgeblich beteiligt waren.
Foto: Ernst Dürr | Bereits 2005, 60 Jahre nach Kriegsende, war von der Stadt Wertheim diese Tafel im Burginnenhof angebracht worden, die an Anton Dinkel und Heinrich Herz erinnert, die beim Hissen der weißen Fahne auf der Burg ...

Obwohl den meisten klar war, dass der Krieg verloren war, kämpften Reste des zerfallenden Regimes fanatisch weiter, darunter viele Jugendliche, die vom NS-Regime sozialisiert waren. Diese verlangten laut Frank Kleinehagenbrock, Vorsitzender des Historischen Vereins Wertheim, bedingungslose Unterstützung. "Das Hissen von weißen Fahnen wurde von den Behörden und Wehrmachtsoffizieren mit dem Tod bestraft", so der Historiker. Wichtig war demnach besonders der Druck, den mutige Männer auf die Amtsträger ausübten. Mit dem Gedenkort wolle man dazu auffordern, "darüber nachzudenken, wie Frieden gelingen kann und wie Demokratie verteidigt werden kann".

Nach den Ansprachen trug die Violonistin Magdalena Merklein ernste Musik von Bach vor und die über 40 Anwesenden gedachten bei minutenlangem Läuten der Wertheimer Kirchenglocken der damaligen Ereignisse. Herrera Torrez und Kleinehagenbrock enthüllten anschließend die Stelen, zusammen mit Vertreterinnen und Vertretern des Gemeinderats, des Vereins "Pro Wertheim" und der Arbeitsgemeinschaft sowie dem 76-jährigen Heinz Staubitz, dem Sohn von Georg Staubitz, damals KPD-Mitglied und an den Ereignissen beteiligt.

 
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