
Die Rolle der Frau im Islam wird häufig diskutiert. Aber auch Männer leiden unter dem Zwang der Tradition. Das sagt eine Romanistin und erklärt den Einfluss des Arabischen Frühlings auf das Patriarchat.
Oft empfinden auch Männer die traditionellen muslimischen Vorstellungen von Männlichkeit als Last und Zwang. Dies gerate wegen des Fokus auf die Rolle der Frau im Islam häufig aus dem Blick, sagte die Romanistin Claudia Gronemann der Nachrichtenagentur dpa in Mannheim. „Vom Mann wird erwartet, dass er heiratet, dass er eine Familie gründet, dass er in diesem Sinne die religiöse Ordnung fortsetzt.“ Angesichts ökonomischer Probleme lasse sich das oft nicht realisieren. Konflikte gebe es aber auch zunehmend mit der Individualität und den Lebensentwürfen junger Männer.
„In der Literatur und im Film werden Frustration und Aggression als Reaktion auf die Erwartungen der Gesellschaft thematisiert und daraus entstehen alternative Rollenbilder“, sagte die Professorin am Lehrstuhl für romanische Literatur- und Medienwissenschaft der Mannheimer Universität. Sie organisiert eine Tagung zur Rolle des Mannes in der Literatur und im Film des französischsprachigen Nordafrikas, die am (heutigen) Donnerstag in Mannheim beginnt.
Aufgrund der Erwartungen an den Mann werde häufig auch politisch auf Autorität gesetzt, ohne dass Alternativen in den Blick geraten. Doch nicht erst im Zuge des sogenannten Arabischen Frühlings sei es zur „Patriarchendämmerung“ gekommen.
Die Rolle des starken Mannes im Maghreb sei in der Geschichte bereits zweimal erschüttert worden, sagte Gronemann. Zunächst im Zuge der Kolonisierung, als die französischen Eroberer Einfluss auf die arabischen Frauen gewinnen wollten und die männliche Ehre verletzten. Eine zweite Erschütterung brachten zuletzt die Unabhängigkeitsbewegungen, an denen sich Frauen aktiv beteiligten.
Die neue Welle der Veränderung im Zuge der arabischen Revolutionen zeichnet sich aus Sicht der Professorin dadurch aus, dass sie nicht mehr nur negativ wahrgenommen werde, „sondern man im Wandel männlicher Muster auch ein positives Signal für eine Öffnung der Gesellschaft sieht“. Die kulturelle Produktion könne dazu einen großen Beitrag leisten, weil hier neue Modelle entwickelt, aber auch deren Widersprüche reflektiert werden. Gronemann hofft, „dass der Einfluss der Geschichten in Literatur und Film den Wandel so bestärkt, dass eine Rückkehr zur alten patriarchalen Ordnung nicht stattfinden wird“. Zu der Tagung werden Romanisten und Soziologen aus Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich, Nordafrika, Kanada und den USA erwartet.