Wohl selten gab es im Lohrer Stadtrat eine solche Kluft zwischen euphorischer Zuversicht und tiefer Skepsis. Bei der Frage, ob der Lohrer Stadtbahnhof für den Zugverkehr reaktiviert werden könnte oder sollte, gingen die Ansichten der Räte am Mittwochabend jedenfalls sehr weit auseinander.
Die ganze Diskrepanz wurde in zwei Aussagen deutlich: "Das könnte eine verkehrspolitische Sensation werden, für Lohr wie ein Sechser im Lotto", hoffte Clemens Kracht (Grüne) auf ein Gelingen. "Leute, vergesst das Ganze", beurteilte Eric Schürr (Bürgerverein) das Vorhaben als sinnlos.
Die Idee, die Strecke zwischen dem Lohrer Bahnhof und dem vor Jahrzehnten stillgelegten Stadtbahnhof zu reaktivieren, hatte Bürgermeister Mario Paul vor einigen Jahren völlig überraschend aus dem Hut gezaubert. Was damals für viele wie ein Hirngespinst wirkte, hat mittlerweile Fahrt aufgenommen.
Das dürfte nicht zuletzt am in der großen wie kleinen Politik zunehmend Raum greifenden Erkenntnis liegen, dass sich grundlegend etwas ändern muss, wenn die Verkehrswende hin zu öffentlichen Verkehrsmitteln gelingen soll. Jüngst hat daher sogar der Kreistag des Landkreises Main-Spessart als Träger des Nahverkehrs beschlossen, die Machbarkeit einer Reaktivierung der Lohrer Strecke prüfen zu lassen. Welche Kriterien erfüllt sein müssten, damit wieder Personenzüge in die Lohrer Innenstadt rollen, erklärte Markus Lang als Vertreter des Bayerischen Verkehrsministeriums den Ratsmitgliedern am Mittwoch. Demnach müssten am Stadtbahnhof täglich 1000 Fahrgäste einsteigen, was Lang als hohe Hürde bezeichnete. Zum Vergleich: Der bestehende Lohrer Bahnhof zählt gut 1100 Fahrgäste.
Sollte, wie von etlichen Räten gewünscht, die Bahnlinie gar bis ins Industriegebiet Süd und somit in die Nähe des künftigen Zentralklinikums verlängert werden, müssten pro Tag gar 2000 Passagiere die Strecke nutzen. In diesem Fall wäre auch der Bahnübergang am Stadtbahnhof komplett zu erneuern oder aber zu schließen, so Lang.
Viel Investitionsbedarf
In die Strecke selbst müsste kräftig investiert werden. Die gesamte Strecke wäre zu elektrifizieren, also mit Oberleitungen zu bestücken. Im Bereich der Straßenkreuzung am Oberen Tor müssten dafür die Schienen in der Unterführung tiefergelegt werden. Lang schloss auch nicht aus, dass entlang der Strecke in den Lärmschutz investiert werden müsste.
Die Investitionen bezifferte Lang insgesamt auf mehrere Millionen Euro. Der Freistaat werde "definitiv keinen Euro in die Infrastruktur investieren". Ob die Bahn zu Investitionen bereit sei, hänge von der Rentabilität der Strecke ab. Im Zweifelsfall blieben die Kosten an der Stadt hängen.
Dazu, was im Falle einer Reaktivierung an Zugverkehr denkbar wäre, sagte Lang, dass die im Stundentakt aus Würzburg kommende und derzeit in Gemünden endende Regionalbahn bis zum Stadtbahnhof weiterfahren würde. Das wären 19 Züge am Tag, für die sich auf der viel befahrenen Maintalstrecke allerdings erst mal ein Zeitfenster finden müsse. Aus oder in Richtung Aschaffenburg gäbe es hingegen keine Anbindung. Für den derzeitigen Lohrer Bahnhof würde sich durch den zusätzlichen Zugverkehr eine halbstündige Taktung in Richtung Würzburg ergeben.
"Das ist ganz toll"
Lang sprach angesichts der Kriterien von hohen Hürden und davon, dass die Reaktivierung »schwierig werden« dürfte. Auf der anderen Seite befeuerte der Bahnexperte zwischendurch mit seinen Aussagen aber auch die Euphorie einiger Räte. So sagte er, dass die Lage des Stadtbahnhofs mitten in der Stadt ideal sei und der Freistaat dem Vorhaben aufgeschlossen gegenüberstehe. Auch schilderte Lang andere Reaktivierungen, die freilich unter ganz anderen Voraussetzungen zu Erfolgen geworden seien.
"Das ist ganz toll, was sie uns da erzählen", zeigte sich Christine Kohnle-Weis (SPD) überschwänglich. Der Verkehr stoße in Lohr an seine Grenzen. Die Lage werde sich durch den Bau der Bundesstraße 26n noch verschlimmern. Man müsse alles tun, um Verkehr auf die Schiene zu verlagern.
Bärbel Imhof (Grüne) war sich "ziemlich sicher", dass die 1000 Fahrgäste pro Tag am Stadtbahnhof möglich sind. Eine Reaktivierung der Strecke wäre in ihren Augen "ein geniales Signal in die Region". Wolfgang Weis (Grüne) erinnerte an die Klimaziele und sagte, dass der "Luxusindividualverkehr auf Dauer nicht aufrecht zu halten" sei.
Es gab jedoch auch deutlich ablehnende Stimmen. Matthias Schneider (CSU) hielt es für unrealistisch, die nötigen 1000 oder gar 2000 Fahrgäste pro Tag zu erreichen. Den Gedanken, dass jemand mit dem Zug ins Industriegebiet fahren und dann den Berg hinauf zum künftigen Klinikum laufen könnte, hielt er für illusorisch. Auch wäre der Zugverkehr Konkurrenz zum Stadtbus. Überdies habe die Stadt nicht das Geld für die vermutlich millionenschweren Investitionen.
Eric Schürr forderte die Bahn auf, statt in die Streckenreaktivierung lieber in einen barrierefreien Ausbau des Lohrer Bahnhofs zu investieren. Bürgermeister Mario Paul plädierte schließlich dafür, das Vorhaben "nicht vorschnell auszuschließen".
Prüfung soll erfolgen
Nach einigem Winden vor allem innerhalb der CSU-Fraktion schloss sich der Stadtrat am Ende bei einer Gegenstimme von Eric Schürr dem Wunsch des Kreistags an, wonach der Freistaat die Chancen einer Reaktivierung der Lohrer Bahnstrecke per Gutachten beleuchten soll. Die Kosten dafür in Höhe von wohl gut 30 000 Euro zahlt der Freistaat. Zum Tragen kommen könnte eine Reaktivierung laut Lang frühestens in sechs Jahren.