
Die betagte Dame im Rollstuhl hat ihren Humor und eine gewisse Eitelkeit nicht verloren: "Wenn ich gewusst hätte, dass ich für die Zeitung fotografiert werde, wäre ich vorher zum Friseur gegangen", lacht Ingrid Weber (Name von der Redaktion geändert) auf. Die Augen der 96-Jährigen blitzen. Mit lebhaften Gesten unterstreicht sie ihre Worte und sucht immer wieder den Blick mit Christine Wonka. "Dem Herrgott sei Dank für Frau Wonka!" sagt Ingrid Weber mit kräftiger Stimme. Um leise hinzufügen: "Ich habe genug, ich möchte sterben."
Ein Augenblick der Stille breitet sich aus. Das Zimmer der alten Frau im Seniorenzentrum Wilhelm Löhe am Heinrichsdamm scheint sich zu drehen. Geradezu zärtlich berührt Christine Wonka, Ehrenamtliche des Hospizvereins Bamberg, den Arm von Ingrid Weber. Nahezu jeder Besuch von Wonka bei ihr endet mit dieser Ansage: "Ich habe genug, ich möchte sterben, helfen Sie mir."
Aktive Sterbehilfe leistet Christine Wonka natürlich nicht. Aber "eine Sterbebegleitung im umfassenden Sinne, auch wenn sich der Todeszeitpunkt nicht abzeichnet", erklärt das Vorstandsmitglied im Hospizverein. Sie möchte Ingrid Weber "ein Leben in Würde bis zum Tod ermöglichen", die Sorgen der Seniorin auf die eigenen Schultern nehmen und hinaustragen. Sorgen um die 71-jährige Tochter Eleonore, ihr einziges Kind, die an Krebs erkrankt ist und ihren Zustand mit Alkohol betäubt. Auch um diese Frau kümmert sich Christine Wonka, "um ihr im Wegrutschen ein wenig Sicherheit zu geben und ihr Verlassenheitsgefühl aufzubrechen". Zumal jede spannungsgeladene Begegnung von Mutter und Tochter "in einer Katastrophe endet".
Die Ehrenamtlichen begleiten Sterbenskranke auch zu Hause
Die Begleitung von Schwerkranken, Sterbenden, Trauernden und Angehörigen "ist ureigenste Aufgabe des Hospizvereins", fasst die hauptamtliche Koordinatorin Silke Kastner zusammen. Während die täglichen Einsätze der Hospizhelfer auf der Palliativstation im Christine Denzler-Labisch Haus an der Lobenhofferstraße konstant seien, gingen die Einsätze im ambulanten Bereich etwas zurück, bedauert Kastner. Vermutlich sei es zu wenig bekannt, dass die gut ausgebildeten Ehrenamtlichen auf Wunsch auch sterbenskranke Menschen zu Hause begleiten, um Angehörige zu entlasten. Um Gespräche über das Leben, über Krankheit, Abschied, Sterben, Tod und Trauer zu führen. Um mitmenschliche Begleitung mit Zeit zu schenken.
Letzteres gilt besonders für alte Menschen, die zunehmend unter Vereinsamung leiden: gleich ob allein lebend im eigenen Zuhause oder in einem Seniorenheim, in dem das überlastete Pflegepersonal kaum Luft für einen persönlichen Plausch mit den Bewohnern bleibt. Koordinatorin Kastner macht auch einen gesellschaftlichen Wandel aus: Früher hätten betroffene Familien den Hospizverein um Unterstützung gebeten. Das habe sich verändert: "Nur wenige kommen auf die Idee, sich zu melden, um Menschen anzufordern." Viel eher werde der Arzt angerufen, der irgendwie Hilfe vermitteln solle: "Ist das unsere deutsche Obrigkeitshörigkeit?" fragt Silke Kastner ratlos.
Ehrenamtliche stehen bereit, um so wie Christine Wonka in einem Altenheim Dienst zu leisten "Je nach Personal wird dieses Zusatzangebot für alte Menschen in Bamberger Heimen angenommen", bilanziert Kastner, wünscht sich jedoch mehr Anfragen. Denn der Hospizverein sei eine "Ressource von Menschen für Menschen".
Ein wöchentlicher Lichtblick im einsamen Alltag
Jeden Montagnachmittag besucht Christine Wonka ihren Schützling im Seniorenzentrum Wilhelm Löhe. Der Besuch ist für Ingrid Weber der wöchentliche Lichtblick in einem als einsam empfundenen Alltag. Die Chemie zwischen den beiden Frauen stimmt, sie können sich über Gott und die Welt austauschen. Wonka übernimmt für die alte Dame auch kleinere Besorgungen oder überredet einen Optiker zum "Hausbesuch" bei Ingrid Weber.
Vor allem gelingt es der promovierten Kunsthistorikerin, Gästeführerin und Buchautorin Wonka, die sterbewillige Frau wenigstens für eine gewisse Zeit aus dem Gedankenkarussell herauszuholen. "Sterbebegleitung mit psychologischer Begleitung und Alltagshilfe", resümiert Christine Wonka, die sich nach eigenen Worten der Hospizarbeit verschrieben hat, ihre Besuche.