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BAD KISSINGEN
Joske Ereli, Jude aus Bad Kissingen: „Später wusste ich dann ja, was die dort lernten“
September 2000: Joske Ereli vor seinem Elternhaus, dem einstigen Modehaus Ehrlich, in der Ludwigstraße.
Foto: FOTO Siegfried Farkas | September 2000: Joske Ereli vor seinem Elternhaus, dem einstigen Modehaus Ehrlich, in der Ludwigstraße.
Das Gespräch führte ISOLDE KRAPF
 |  aktualisiert: 24.10.2007 03:09 Uhr

Joske Ereli wurde am 13. September 1921 als Hans Josef Ehrlich in Bad Kissingen geboren. Mit 17 musste er, weil er jüdischer Abstammung ist, vor den Nazis nach Palästina fliehen. 1959 kam er zum ersten Mal wieder in seine Geburtsstadt zu Besuch. Viel später, 1997, initiierte er die Partnerschaft zwischen der Region Tamar in Israel und dem Landkreis Bad Kissingen. Seit langem steht sein Name für das Bemühen um Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen. Im Jahr 2001 verliehen ihm die Stadt Bad Kissingen die Bürgermedaille und der Landkreis das Silberne Ehrenzeichen. Ereli lebt mit seiner Frau Rachel im Kibbuz ein Gedi am Toten Meer. Dort arbeitet er auch heute noch aktiv im Tourismus-Büro mit.

Frage: Sie verbrachten die ersten 17 Jahre Ihres Lebens in Bad Kissingen. Welche Lebensziele hatten Sie für sich, welche Träume spukten in Ihrem Kopf?

Joske Ereli: Die letzten zwei Jahre war ich schon in einem jüdischen Internat in Coburg, weil wir ab 1935 nicht mehr in den deutschen Schulen geduldet wurden. Dort habe ich die 10. Klasse beendet. Im Jahr 1938 habe ich dann von März bis zu meiner Auswanderung im September im Modehaus meiner Familie in Bad Kissingen geholfen und später noch in einem Vorbereitungslager für Auswanderer nach Palästina in der Landwirtschaft gearbeitet. Denn ich hätte gern in der Landwirtschaft eine Lehre gemacht. Ich war oft beim Viehhändler Eberhard und habe im Kuhstall mitgeholfen und Kälber zum Schlachthaus geführt.

Gab es für Sie damals auch eine glückliche Zeit in Bad Kissingen, an die Sie sich heute gern erinnern?

Ereli: Etwa bis 1933 war meine Jugendzeit wunderbar. Ich war oft in unserem großen Obstgarten neben dem Jüdischen Friedhof. Wir machten Ausflüge in die Rhön. Spaß machte es mir, mit dem Dampferle zu fahren und dann war ich auch oft beim Reiten im Tattersall.

Ihre Eltern hatten einen „Schnittwarenhandel“, wie das damals hieß, in der Ludwigstraße 17. Welche Erinnerungen haben Sie an das Leben in einem Geschäftshaushalt?

Ereli: Das Modehaus Felix Ehrlich gehörte meinem Vater und seinem Bruder. So arbeiteten also meine Mutter und meine Tante dort. Es war damals das größte Geschäft der Umgebung mit 15 Verkäuferinnen und Schneiderinnen. Meine Schwester Shoshana, mein Bruder Felix und ich hielten uns gern dort auf. Die ganze Großfamilie wohnte hier, im dritten Stock links unsere Familie und rechts mein Onkel Franz, mein Cousin Fritz und die Cousine Liesel. Unter uns waren die Großeltern und eine andere Tante. Und im vierten Stock wohnten die Angestellten.

Dann kamen die Nazis und in der Ludwigstraße flanierte die Hitler-Jugend. Wie haben Sie das erlebt?

Ereli: Wenn die Hitler-Jugend samstags in Uniform mit Fahnen und Fanfaren rüber in die Au marschierte, stand ich am Fenster hinter dem Vorhang und war traurig, dass ich nicht mit marschieren durfte. Aber später wusste ich dann ja, was die dort gelernt haben. Als die Nazis uns bedrohten und all meine Freunde mich über Nacht verließen und mich plötzlich „Saujude!“ schimpften, war das eine große Enttäuschung. Das werde ich nie vergessen. Da hatte es ja schließlich unter meinen Freunden auch welche gegeben, die mehr bei uns zu Hause gewesen waren als bei ihren Eltern.

1938 mussten Sie wegen der Nazis fliehen. Wie haben Ihre Eltern Ludwig und Grete Ehrlich diese Zeit damals verarbeitet?

Ereli: Im Sommer 1938 schon musste mein Vater unter dem Druck der Nazis sein Haus an Rottmann verkaufen, aber bis 9. November konnten wir noch dort wohnen. Meine Schwester Shoshana war schon 1934 nach Palästina gegangen. Dann zog sie mit ihrem kleinen Sohn ins französische Toulouse, um dort zu studieren. Damals beschlossen meine Eltern, ihren ersten Enkel Menachem kennen zu lernen und machten sich in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 dorthin auf den Weg. Das war die Pogrom-Nacht. Sie erfuhren dann in Frankreich telefonisch von unserer Kissinger Köchin, dass mein Vater von den Nazis gesucht wird und unsere Wohnung durchsucht worden war.

Welchen Bezug hatten Ihre Eltern später zu Bad Kissingen?

Sie sind nie wieder zurück gekommen. Sie zogen nach England, erlebten den Krieg in London und kamen schließlich 1945 nach Israel. Seit der Zeit sagt man in unserer Familie, dass damals der erste Enkel seine Großeltern rettete.

Haben Sie selbst später noch an Ihren deutschen Geburtsort gedacht oder verdrängt man alte Erinnerungen, wenn es solch einen furchtbaren Schnitt in der Biografie gibt?

ERELI: Ich hab immer wieder an den Ort gedacht, in dem ich geboren bin, trotz der schlimmen Erinnerungen, aber natürlich vor allem wegen der schönen Zeiten. Bis heute kann ich nicht verstehen, wie sich gute Freunde über Nacht so ändern konnten . . .

Sie hießen Hans Josef Ehrlich und haben sich in der Armee in Joske Ereli umbenannt. Wie alt waren Sie? Wären Sie entlassen worden, wenn Sie Ihren Namen behalten hätten oder wollten Sie Ihre Herkunft ablegen?

Ereli: Ich habe meinen Namen in Josef Ereli – daraus wurde der Rufname Joske – geändert, weil unser erster Ministerpräsident Ben Gurion damals forderte, dass Offiziere in der israelischen Armee auch israelische Namen tragen müssen. Ich bin auch der einzige aus meiner Familie, der den Namen änderte. „Ereli“ bedeutet übrigens „Engel“ und ist dem Namen Ehrlich noch ziemlich ähnlich, finde ich. Ich war damals 22 Jahre alt und viele meiner Kollegen änderten ihre Namen. Das war ganz freiwillig, kein Zwang.

1972 waren Sie bei Olympia in München, als die Palästinensergruppe Schwarzer September den Terrorangriff auf das Olympische Dorf unternahm. Wie haben Sie das als Gast aus Israel wahrgenommen?

ERELI: Nachdem ich 1936 bei Olympia in Berlin war, wollte ich 1972 nach München fahren. Wir wohnten damals zu dritt bei einer jungen deutschen Familie. Ich erinnere mich noch genau: Als wir ankamen, stellten sie die israelische Fahne auf den Tisch und hatten israelischen Apfelsinensaft zu trinken. Unsere Gastgeberin weckte uns damals, als der Terrorangriff losging. Natürlich haben wir uns furchtbar aufgeregt, aber machen konnte man ja nichts. Die Spiele gingen später weiter, aber ich hatte keine Lust mehr dazu und fuhr damals nach Bad Kissingen.

War der Besuch geplant? Wie ging es Ihnen dann, als Sie durch die Stadt liefen und Ihr Elternhaus wiedersahen?

Ereli: Der Besuch war eigentlich gar nicht geplant. Es war mein zweiter Besuch in Deutschland und auch in Bad Kissingen. Es war sehr aufregend. Ich wollte den Jüdischen Friedhof sehen und man sagte mir, ich solle im Alten Rathaus nach dem Schlüssel fragen. Der war aber nicht zu finden und so musste ich damals über den Zaun klettern. Es war schon komisch, als ich vor unserem Haus stand und auf das Fenster im dritten Stock schaute und dachte 'Das war dein Zimmer!' Ich schaute von außen ins Geschäft, das Rottmann betrieb. Gegenüber gab es einen Laden, dessen Inhaber, glaube ich, Welz hießen und bei denen ich öfter als Kind gewesen war. Als ich rein ging und der Frau vor mir erzählte, dass ich einer der Ehrlichs-Buben bin, fing sie plötzlich zu weinen an und fragte, was aus uns allen geworden ist.

Es hat Sie also schon sehr angerührt, in Ihre Geburtsstadt zu kommen?

Ereli: Ja natürlich. Und etwas war auch noch merkwürdig: Als ich mit dem Zug wieder nach München fuhr, blätterte ich in der Saalezeitung, die ich mir gekauft hatte, und fand eine Notiz unter der Rubrik „Was geschah vor 50 Jahren?“. Sie lautete: „Modehaus Ehrlich bittet den Finder eines Kleides, das in der Kurhausstraße verloren ging, gegen eine Belohnung von 20 Millionen Mark abzugeben.“ Das ist schon verrückt: Da komme ich zufällig nach Bad Kissingen und finde eine Nachricht meiner Familie in der Zeitung!!!

Und wann waren Sie zum ersten Mal da gewesen?

Ereli: Zum ersten Mal besuchten meine Frau und ich Bad Kissingen im Jahre 1959, genau 21 Jahre nachdem ich die Stadt verlassen musste: Auf der Bahnfahrt von München nach Bad Kissingen gingen mir zahllose Gedanken durch den Kopf, was mich wohl dort erwarten würde. Kurz nachdem wir unser Zimmer im Hotel bezogen hatten, klopfte jemand an die Türe und fragte: „Sind Sie nicht jemand aus der Kissinger Familie Ehrlich?“ In meinem Reisepass standen ja noch beide Namen.

Als Günter Bender damals 1979 bei Ihnen im Kibbuz anfragte, ob er mit einer Jugendgruppe dort übernachten könnte, soll, wie Sie später erzählten, Ihr Herz geklopft haben, als Sie den Namen ihres Heimatorts hörten?

Ereli: Die Kissinger kamen damals über die Vermittlung der Gewerkschaftsjugend aus Tel Aviv zu uns. Eines Tages kam ein Päckchen aus Bad Kissingen hier an mit einem Bildband der Stadt. Natürlich war ich platt und ganz schön aufgeregt. Ich wurde dann schließlich gebeten, die Kissinger Gäste als Einziger von uns, der Deutsch spricht, zu betreuen. Ich hatte zunächst Bedenken, dass das alte Erinnerungen weckt, weil das Kind eines meiner Schulfreunde oder eines Bekannten meiner Familie dabei ist. Als die jungen Leute kamen, war ich nicht imstande sie abzuholen und schickte meine Frau Rachel zum Flughafen.

Und als Sie wieder nach Bad Kissingen kamen, wie empfanden Sie die ersten Kontakte? Gab es alte Freunde, Schulkameraden?

Ereli: Günter Bender hat mir sehr geholfen. Ich machte mich im Telefonbuch zuerst auf die Suche nach ehemaligen Schulkameraden. Georg Straus war einer der Ersten, zu denen ich Verbindung aufnahm. Er erinnerte sich an mich, aber ich nicht an ihn, weil er etwas jünger ist. Letztendlich habe ich aber nur einen meiner ehemaligen Mitschüler wieder getroffen: Ernst Hartmann. Er ist inzwischen gestorben. Es meldete sich auch niemand bei mir, obwohl über jeden meiner Besuche in der Zeitung berichtet wurde.

Hatten die Kissinger Ihnen gegenüber Berührungsängste?

Ich nehme an, dass die Kissinger schon Berührungsängste mir gegenüber hatten. Denn nehmen wir mal an, es hätte sich ein Mitschüler gemeldet und ich hätte erfahren, dass er damals auf Seiten der Nazis stand, dann hätte ich nicht mit ihm gesprochen.

Wenn Deutsche Juden treffen, wissen sie oft nicht, ob sie miteinander über die Vergangenheit sprechen sollen oder nicht. Was würden Sie da raten?

Ereli: Das ist eine sehr gute Frage. Ich bin der Meinung, dass man über die Vergangenheit sprechen soll. Sie gehört zur Geschichte beider Völker und man kann daraus nur lernen. Und die heutigen Nachkommen haben ja keine Schuld an dem, was ihre Eltern oder Großeltern möglicherweise damals taten.

Leider sind auch heute noch antisemitische Tendenzen in der deutschen Gesellschaft zu spüren. Wie gehen Sie damit um? Sind sie unter anderem auch der Grund, warum Sie nie mehr in Deutschland haben leben wollen?

Ereli: Antisemitische Bewegungen gibt es in allen Ländern. Wenn man nichts gegen die Juden hat, so eben gegen Ausländer an sich. Ich persönlich wüsste nicht, warum ich in einem Land leben sollte, das mich nicht schätzt. Wir hatten damals unsere Heimat Israel nach langer Zeit wieder gewonnen, und da war es klar für mich, dass ich hier leben will.

Und wie ist es eigentlich umgekehrt? Welches Bild haben die Israelis von den Deutschen? Gibt es da auch anti-deutsche Strömungen?

Ereli: Anti-deutsche Strömungen gibt es nicht. Es gibt Israelis, die die Deutschen nicht mögen, die nie nach Deutschland fahren würden. Aber das ist eine persönliche Angelegenheit, die man respektieren muss. Die Mehrheit hier sieht Deutschland als einen der besten Freunde Israels an.

Sie haben unter anderem die Bürgermedaille der Stadt Bad Kissingen und das Landkreis-Ehrenzeichen erhalten. Man hat Sie auch schon als einen der „großen Söhne“ der Kurstadt bezeichnet, auf die man „stolz“ ist. Was empfinden Sie, wenn Sie so etwas hören?

Ereli: Die Auszeichnungen haben mich sehr gefreut. Ich war auch sehr bewegt, als ich sie entgegen nahm. Denn einst mussten wir von Bad Kissingen fliehen, um unser Leben zu retten. Und jetzt wurden wir als Freunde aufgenommen. Die Zeit muss auch hier Wunden heilen. 1908 wurde mein Großvater als erster Jude in den Kissinger Magistrat gewählt. 93 Jahre später wurde ich als sein Enkel von den Kissingern geehrt. Es zeigt doch, dass meine Arbeit der Vermittlung zwischen Israel und Deutschland respektiert wird.

Was bedeutet für Sie Heimat?

Ereli: Heimat ist dort, wo ich zu Hause bin, also in Israel.

Ereli       -  Sommer 1980: Günter Bender (hinten links) kam mit einer Kissinger Jugendgruppe nach Israel in den Kibbuz Ein Gedi. Begrüßt wurde die Gruppe von Joske Ereli (hinten rechts).
Foto: FOTO Privat | Sommer 1980: Günter Bender (hinten links) kam mit einer Kissinger Jugendgruppe nach Israel in den Kibbuz Ein Gedi. Begrüßt wurde die Gruppe von Joske Ereli (hinten rechts).
Joske       -  Februar 2007: Eine Delegation des Landkreises und Mitglieder der Bayerischen Sportjugend besuchen Joske Ereli.
Foto: FOTO Edwin Metzler | Februar 2007: Eine Delegation des Landkreises und Mitglieder der Bayerischen Sportjugend besuchen Joske Ereli.
 
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