Shakespeares Frauenfiguren kommen selten ungeschoren davon, oft sind sie Opfer männlich-fragwürdigen Verhaltens. Hinzu kommt noch, dass dieses maskuline Gehabe oft ungestraft bleibt. Nur wenige Frauen aus Shakespeare-Stücken bilden da Ausnahmen.
Eine davon ist Beatrice (Dana Sitte), die in „Viel Lärm um nichts“, das die Theatergruppe " Kompass “ an zwei Tagen im Franz-Miltenberger-Gymnasium Bad Brückenau aufgeführt hat, nicht nur Benedikt (David Schneider), ihrem Gegenspieler und späteren Partner, sondern auch allen anderen erfolgreich Widerstand leistet. Beide sind wortgewaltig und lassen sich nicht ins Bockshorn jagen. Sie bilden am Ende der Komödie das gelungene Modell einer Partnerschaft auf (funkelnder) Augenhöhe.
Die Verbindung des zweiten Paares hingegen ist insbesondere auf Seiten des schönen, keuschen Hero wenig selbstbestimmt: die tapfere Kriegsheimkehrerin Claudia (facettenreich und mit großer emotionaler Tiefe: Hannah Gundelach) will ihn zum Ehemann. Sie soll ihn auch bekommen – bestimmt Heros überaus dominante Mutter Leonata, toll gespielt, mit überzeugender Strenge von Lina Mott, , heißt es in der Pressemitteilung der Schule.
Interpretation: Der Rollentausch
Hero (ein schüchtern-charmant allem zustimmender Arthur Dering) hat ihr wenig entgegenzusetzen. Aufgrund einer Intrige der fiesen Donna Johanna (rachsüchtig und mit ausdrucksstarker Mimik: Nicole Kiselev) glaubt Claudia allerdings, ihr zukünftiger Partner Hero wäre ein unkeuscher Frauenheld, was dazu führt, dass sie ihn vor dem Traualtar öffentlich mit üblen Verwünschungen verstößt.
Hier setzt die Interpretation von „ Kompass “ an: In Shakespeares Original ist Claudia ein Claudius und Hero eine junge Frau, die dann nicht nur von ihrem Mann als „ Hure “ und „Schlampe“ beschimpft wird. Durch den Geschlechtertausch der Figuren in der Inszenierung wird offenbart, dass die Sprache keine entsprechenden Worte für Männer mit vielen Partnerinnen kennt. Da gibt es keine Schimpfworte, höchstens leicht tadelnde Zeigefinger-Ausdrücke, die immer noch so etwas wie Anerkennung implizierten. Naja, er ist halt ein Kerl!
Ein ganz neues Ende
Dies wird schonungslos offengelegt, auch beim veränderten Ende, wenn Hero nicht, wie bei Shakespeare , die ihn schäbig behandelnde Claudia dann doch heiratet und wieder mal auf seine Mutter hört, sondern verkündet, er muss sein eigener Hero werden. Schön! Herrlich das Spiel und die Kostüme der Amazonenkriegerinnen (besonders erwähnenswert hier auch Mia Engel, die heldinnenhaft kurzfristig für den verletzten Dominik Siebert einsprang). Auch der Hofstaat von Messina (neben den oben schon Genannten brillierte hier auch Aenna Küntzel) zeigte sich staatstragend ganz in Weiß.
Ebenso glänzten die zahlreichen Nebencharaktere wie Wachfrauen, Verschwörerinnen und Nachtwächterinnen in ihren Rollen, verkleidet in schwarz/pink mit Schleifchen – allen voran die Oberwachfrauen Dogberry (Maximilian Kramlich) und Seacoal (Luca Werner). „ Kompass “ unter der Leitung von Barbara Müller und Jan Vogel präsentiert sich als echtes Ensemble mit ganz viel Freude am Spiel, was auch dem Publikum in der ausverkauften Aula des FMG merklich gefiel: Viele Lacher und viel Klatschen auf offener Bühne und langer Schlussapplaus am Ende.